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100 7 cds von peter praschl 150
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velvet underground. live mcmxciii.

vu

1993 tat sich die Originalbesetzung von Velvet Underground (ohne Nico) zu einer Tournee und zu einer Live-Platte zusammen. Auf das Hamburger Konzert wollte ich eigentlich gar nicht gehen, weil ich keine Lust auf eine jener Wiedervereinigungen hatte, die damals in Mode kamen. Dann ging ich doch, entschlossen, den Abend beschissen zu finden. Weil ich zwei Tickets, aber unser Babysitter abgesagt hatte, nahm ich Meike in die Alsterdorfer Sporthalle mit, eine der übelsten Locations, die man Musikern zumuten kann.

An das erste Stück kann ich mich nicht mehr erinnern. Das zweite war Venus in Furs. Nach drei Takten Viola von John Cage war klar: Es würde eines der großartigsten Konzerte meines Lebens werden. Wurde es dann auch. Während des Konzerts habe ich mich in Meike verliebt, sie sich wohl auch in mich, aber es war jene Sorte Verknalltheit, die man erst Tage später verwundert bemerkt. Die Musik aber traf mich ohne jeden Verzögerungseffekt, wie damals in den 70ern, als ich die VU zum erstenmal gehört hatte. Sie konnten einander immer noch nicht leiden, nicht im geringsten, das merkte man sofort. Lou Reed nölte seine Life-Sucks-Lieder, John Cale zerschoß sie ihm mit seiner Geige, Mo Tucker drosch einen unbeirrbar harten Beat, Stirling Morrison baute Walls of Sound, wie sie Phil Spector nicht besser hinbekommen hätte.

Nach dem Konzert sind wir in die S-Bar, die es heute nicht mehr gibt, ich war so durstig, daß ich gleichzeitig Kaffee, Apfelschorle, Kirschsaft und GinTonic bestellte, die Bedürfnisse waren völlig durcheinander geraten, ich redete eine Stunde ohne Pause, ich weiß nicht mehr worüber, Wort an Wort, Satz an Satz, Walls of Words zur Erdung.

Am Tag danach bin ich nach Berlin geflogen, weil ich einen Termin mit Greil Marcus hatte. Wir wurden in einem Haus des ehemaligen DDR-Schriftstellerverbandes untergebracht, davor hatte Ulbricht darin gewohnt, eine Villa mit angeschlossenem Jagdrevier, in dem Ulbricht, erzählte man uns, die Rehe erlegte, die ihm extra dafür angestellte Werktätige vor die Flinte treiben mußten, sehr gespenstisch und tagsüber völlig leer, nur morgens kam eine Köchin, die für uns beide Frühstück machte. Nachmittags saß ich mit Greil Marcus im Garten der Ulbricht-Villa, er wollte alles über das VU-Konzert wissen - Wie war Mo Tucker? Haben sie Heroin gespielt? - und sprach über seine Sehnsucht, endlich wieder einmal die Erde unter den Füßen zittern zu spüren. Irgendwann in diesen beiden Tagen mit ihm ist mir klargeworden, daß ich mich in Meike verliebt hatte. Es dauerte noch ein paar Wochen, bis wir ein Paar waren. Ohne Velvet Underground wäre es sicher nie so weit gekommen.

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miles davis. directions.

directions

Directions habe ich während meines Studiums meinem Vater zum Geburstag geschenkt. Mein Vater ist der klassische Nachkriegs-Jazz-Süchtige, in den 50ern war Jazz ja Anti-Nazi-Sound, Anti-Restaurations-Krach in feuchten Kellerlokalen, und in seine Ehe brachte er zum Beispiel schon eine Miles Davis-Platte mit, Porgy and Bess in den Gil Evans-Arrangements. Ich dagegen konnte bis zu diesem Geburtstagsgeschenk Jazz nicht leiden, weil mir dabei meistens reflexhaft schlecht wurde, was daran lag, daß es im österreichischen Rundfunk jeden Wochentag von zehn bis elf eine ganz ausgezeichnete Jazzsendung namens Vokal-Instrumental-International gab, die ich immer dann hörte, wenn ich nicht zur Schule ging, weil ich krank war. Die Folge: Jahrelang mußte ich bei jedem Saxophonsolo an Grippe oder Durchfall denken.

Directions hat das verändert. Von der ersten Minute an war klar: das war entschieden besser als alles, was ich davor gehört hatte. Elektrisch, nervös, stylish, ein dichtes Gewebe statt dieser öden Strophen-Refrain-Form, und vor allem Beats, die so irrwitzig ineinander geschachtelt waren, wie es kein Rock-Drummer zuwege gebracht hätte, Beats, die den Körper des Zuhörers anders behandelten als die Popmusik, die ich damals hörte. Im Pop konntest du immer den Takt stumpf durchstampfen, im Dreier- oder Viererschema, auf Directions dagegen hatte der Körper kein Zentrum mehr oder aber viele davon, man wurde dissoziiert statt justiert. Über allem, fade-ins und fade-outs, die Trompete von Miles Davis, ein dünner nebelverhangener Strahl, der wenig Aufhebens von sich machte, eine Haltung, die mich danach immer häufiger zu interessieren begann, nach innen spielen statt für ein Publikum.

Wie meinem Vater Directions gefiel, weiß ich bis heute nicht. Er wird sie mir gegenüber für gut befunden haben, nehme ich an, aber das muß man ja immer bei Geburtstagsgeschenken.

  
       
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john coltrane.ole.

coltrane

Wann ich die zum ersten Mal gehört habe, weiß ich nicht mehr, aber es war die erste modale Musik, die ich wahrnahm, ohne daß ich natürlich gewußt hätte, daß man das, was Coltrane tut, modal nennt. Repetition, Fortschritt in kleinen Veränderungen, ornamental, merkwürdige beat patterns, sehr halluzinatorisch. Ich glaube, das meiste, was ich heute höre, ist von dieser Platte ausgegangen, Drums´n´Bass, Pharoah Sanders, Ragas, afrikanische Musik, Terry Riley, Minimalisten, stuff like that. Und natürlich diese speaking-in-tongues-Spiritualität, eine andere Oralität als in der Liedform, Beschwörung, Gebet. Litanei und ähnliches. Leider kann man nicht so sprechen, wie John Coltrane Saxophon gespielt hat. Aber man würde gerne, es wäre eine andere Welt.

  
       
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prefab sprout. steve mc queen.

prefab sprout

Habe ich, weil das Cover und der Name so schön waren, 1985 in Graz gekauft, in einem kleinen Plattenladen in der Nähe der Färbergasse, wo Carmen wohnte. Carmen hatte ich ein Vierteljahr vorher kennengelernt, wir sahen uns alle zwei Wochen, bei mir in Wien, bei ihr in Graz. In ihrer Wohnung gab es kaum Möbel, ein Tapezierertisch, ein Stuhl, eine Matratze, einen Plattenspieler, es war saukalt, wir taten nicht viel anderes als im Bett zu liegen, miteinander zu reden und miteinander zu schlafen. Prefab Sprout war die Musik, die dazu paßte, Winterlieder, sehr melancholisch, man wußte schon, daß das alles nicht lange halten würde. I have got six things on my mind, you are not longer one of them und ähnliche Sätze, When Love Breaks Down, Appetite, Musik, bei der man sich wünschte, daß es draußen noch kälter wäre, auf dem Cover trug Wendy einen dicken pinken Pullover, in den Bäumen im Hintergrund vermutete man Rauhreif, nachts gingen wir noch einmal raus, um zu frieren, damit das Aufwärmen danach sich noch erlösender anfühlte, so ungefähr.

Prefab Sprout ist bis heute die einzige Band geblieben, für die ich ganz kindisch Fan sein kann. Als im Mai 1998 nach acht Jahren endlich wieder eine neue CD herauskam, war ich gerade in Tokyo und habe tagelang verzweifelt in den Läden danach gesucht, bis mir endlich bei Tower Records jemand weiterhelfen konnte, draußen auf der Straße habe ich sie sofort in den eigens gekauften Discman geschoben, es war Rush Hour, es regnete, es war schon dunkel, bei Stück 3 habe ich nicht anders gekonnt, als in Tränen auszubrechen, so schön war das.

  
       
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sex pistols. never mind the bullocks.

sex pistols

Bis sich die Sex Pistols zu mir durchsprachen, dauerte es ein halbes Jahr, so war das eben in der Prä-MTV-Ära, die den immensen Vorteil besaß, daß noch nicht alles lediglich Ware der Unterhaltungsindustrie für das jeweilige Subsegment im Jugendmarkt war. Die Pistols waren genauso wie in den Gerüchten, die ihnen vorangegangen waren, laut, gewalttätig, dreckig und saugut. Danach waren alle anderen Popbands, die ich vor ihnen gehört hätte, mindestens halbtot. Johnny Rotten liebe ich bis heute. Malcolm McLaren habe ich schon damals gehaßt.

  
       
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beach boys. pet sounds.

pet sounds

Dieses Album hatte ich dreimal auf Vinyl und zweimal als CD, und natürlich besitze ich auch das 4-CD-Boxset mit den Pet Sounds Sessions. Ist eben das vollkommenste Pop-Album, das je gemacht wurde, man muß das gar nicht groß begründen. Transfiguration of the common sense hat Arthur C. Danto einmal genannt, was Kunst macht, und als alter Katholik weiß ich, daß Transfiguration viel mehr ist als nur eine ästhetische Angelegenheit, nämlich Wandlung, Erlösung, ein Unterschied im Prinzipiellen, nicht im Graduellen. Brian Wilson wußte das auch, in lauter Drei-Minuten-Stücken, die einem beibringen, daß die Erlösung ganz nahe ist und unerreichbar fern, Aura eben, ein Vorschein.

Als ich mit Meike in Neuseeland war, fuhren wir eines Tages an den nördlichsten Punkt der Nordinsel, ein Leuchtturm am Ende der Welt, beim Zurückfahren wurde ihr speiübel von den Serpentinen, wir hielten an, sie kotzte zur Tür des Mietwagens hinaus, so schnell mußte das gehen. Danach bogen wir auf den 99 Miles Beach ein, der genauso ist wie er heißt, ein breiter Sandstrand von 99 Meilen Länge. Meike lag in den Dünen und schlief sich ihre Übelkeit aus dem Leib, der Wind wehte Sand über ihren Körper, ich stand da, starrte ins Meer, hörte in meinem Discman ein Dutzend Mal hintereinander God Only Knows, wußte, alles ist gut. God Only Knows What I Would Be Without You.

  
       
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material. hallucinations.

hallucinations

Steht hier bloß stellvertretend für jede einzelne Platte von Bill Laswell, neben Miles Davis und John Coltrane mein dritter Hero. Laswell macht jedes Monat vermutlich an die 2, 3 CDs, ich habe bloß 20 von ihm, fast jede ist gut, das Konzept des Rhizomatischen, permanente Vernetzungen, hybride cross-culture-Soundtracks, viel Arabisches und Indisches, arbeitet mit den richtigen Leuten wie Tony Williams, Bootsy Collins, Phaoroah Sanders und ähnlichen, all das. Hallucination Engine ist ein Name, der kein bloßes Versprechen ist.