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franz jung. der weg nach unten.

jung

Wie ich auf Franz Jung gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Vielleicht, weil mich Scheiterer immer schon am meisten interessiert haben. Und unsortierte Leute mit einer unaufgeräumten Identität.

Im Weg nach unten erzählt Franz Jung sein Leben, und damit der Leser ahnt, was das bedeutet, sollte man sagen, was Jung alles gewesen ist: Anarchist, Bombenleger, Häftling, Schiffskidnapper, Börsenspekulant, Otto-Groß-Kumpel (der wiederum war ein durchgedrehter Psychoanalytiker), Leiter einer Zündholzfabrik im stalinistischen Rußland, Mehrfachflüchtling vor den Weimaraner, den Hitler- und den Stalin-Polizisten, KZ-Häftling, ab 1947 Exilant in Amerika mit dem expliziten Plan, unterzutauchen, zu verschwinden, unsichtbar zu werden, Versicherungs-Agent, Wirtschaftskorrespondent. Bei all dem hat er erstaunlich viele Bücher, Romane, Theaterstücke, Theoretisches, Agitatorisches geschrieben, und ein mehr als nur aufwendiges Privatleben auszubalancieren versucht, in dem permanent alles in die Brüche ging, eine Tochter wurde am Wiener Steinhof švon einer Nazi-Ärztin per Euthanasiespritze ermordet, Freundschaften, die übergangslos zu Feindschaften wurden und wieder retour, Armut, all das.

Man kann sich leicht vorstellen, daß eine solche Autobiographie schon vom Stoff her aufregend ist. Doch im Weg nach unten geht gar nicht so sehr um den Stoff als um eine Perspektive. Jung erzählt mit einem bestimmten Fluchtpunkt, dem des Scheiterns, Verunglückens, Abbaus. Der Mensch, ein Mangel, und alle Versuche, diesen Mangel auszugleichen, enden immer desaströs. Dazu eine merkwürdig revolutionäre Körperpolitik, Sehnsucht nach Ekstasen, social beats, Kommunismus als Ekstase und Ekzentrität.

An einer Stelle beschreibt Jung, wie er verstanden hätte, was Nationalsozialismus ist: irgendein Kleinbürger biß einem anderen in die Brust, wie ein Pitbull, der sich verbeißt, Enthemmung, Entgrenzung, Ausfalloperationen aus einem zivilisiert dressierten Körper. So oder so ähnlich funktioniert Jungs Wahrnehmung in Permanenz, man kann seine Autobiografie jederzeit auch als eine Subgeschichte der Genese des deutschen Faschismus und der Nachkriegsrestauration lesen. Falls man die Erfahrung, in einem Sog verschlungen zu werden, überhaupt noch Lesen nennen kann. Jedenfalls sieht nach der Lektüre des Torpedokäfers wie Welt nachhaltig anders aus.

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hugo von hofmansthal. andreas.

andreas

Hofmannsthal habe ich nie leiden können, zu preziös, zu katholisch, zu restaurativ, diese elende Künstler-Religion, diese Sehnsucht nach dem Heilen, dessen Zerbrechen im Chandos-Brief bejammert wird. Dann habe ich vor zwei Jahren aus reinem Zufall Andreas gelesen, der Band stand bei mir im Bücherregal, keine Ahnung, wie er dort hingekommen war. Andreas ist eine unvollendet gebliebene Erzählung, das macht ihre atemberaubende Qualität aus. Es geht um einen jungen Adeligen, der nach Venedig reist und dort mit lauter Überschwemmungen einer ganz merkwürdigen Irrealität konfrontiert wird, immer wieder ist alles aus dem Stand komplett widersinnig, abgründig, mythologisch, wie in einem verrückten Traum, in dem sich alles verschoben hat. Irrsinnige Zeit- und Handlungssprünge, eine Dramaturgie, die Hofmannsthal nicht bändigen konnte, unfaßbar dichte innere Monologe, zwischendrin Sätze, bei denen man nicht weiß, ob sie zur Geschichte gehören oder H. sie als Notizen, Anweisungen gedacht hat. All das: wie unter Amphetaminen geschrieben.

  
       
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haruki murakami. der letzte rasen am nachmittag.

murakami

Auf Haruki Murakami bin ich durch ein langes Portrait im New Yorker aufmerksam geworden. Draufhin besorgte ich mir den Short-Story-Band Als ich eines Morgens das 100prozentige Mädchen sah. Eine der Geschichten darin handelt von einem Studenten, der sich ein wenig Geld verdient, indem er im Sommer Rasen mäht . Der Student kommt in ein Haus, eine sehr freundliche Frau bietet ihm Limonade an, unterhält sich mit ihm, es gibt ein Zimmer, in dem die Tochter der Frau wohnt, der Student beginnt sich die Tochter vorzustellen, irgendwann erfährt man, daß die Tochter schon lange tot ist. Mehr geschieht nicht in dieser Geschichte, alles wird mit einer erstaunlichen Beiläufigkeit geschildert, aber am Ende weiß man, man hat eine Geschichte gelesen, die man nie wieder vergessen wird. Es ist mir mit vielen Texten von Murakami so ergangen, und wer immer sich erleuchten lassen will, sollte sich ganz dringend alles besorgen, was von ihm in Englisch und Deutsch erschienen ist , und dann mit mir eine Murakami appreciation society gründen. Als ich in Japan war, fragte ich meine Gesprächspartner immer wieder über Murakami aus, der dort ja ein Bestseller-Autor ist, aber es schien ihn merkwürdigerweise keiner zu mögen.

  
       
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n.n.der sohn des cotopaxi.

cotopaxi

Den Sohn des Cotopaxi hat mir mein Vater geschenkt, als ich ein Kind war, es handelte sich dabei um ein kommunistisches Kinderbuch, die Geschichte eines Indio-Campesinos. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, nur an einen Umschlag, der sehr meergrün war und jemand in einem Poncho zeigte, und an die Hälfte des ersten Satzes, die so ging: "Wenn Sie mich hier so auf der Brücke stehen sehen, Senor....". Jedenfalls war das das erste Buch, das mich richtig gepackt hat und den Hunger auslöste, immer noch mehr Bücher zu lesen, mit der Taschenlampe unterm Bett und so weiter, man kennt das ja. Das also habe ich meinem Vater und dem Sohn des Cotopaxi zu verdanken.

  
       
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karl marx. der 18. brumaire des louis bonaparte.

marx hat recht

Wie viele anständige Menschen meines Alters bin ich mit 18 Marxist gewesen. Wie kaum einer bin ich es geblieben (was mir allerdings auch nichts nützt). Das liegt unter anderem am 18. Brumaire, einem der epochalsten historischen Texte, die je geschrieben wurden, und einer der wenigen Arbeiten, an denen ich auch nach 20 Jahren immer noch Neues finde. Eine höchst ironische Auffassung von Geschichte, viele gute Jokes usw. Und immer, wenn einer von diesen Dummköpfen, die man ja tagtäglich ertragen muß, wieder eine dieser eingelernten Anti-Marx-Bemerkungen absondert, einer von diesen Vollkoffern, die nie eine Zeile gelesen haben und keinen Tau von gar nichts haben, aber BWL studieren und bloß Scheiße reden, dann würde ich am liebsten sofort eine Old-Style-Schulung veranstalten, so wie damals, als wir noch dran glaubten, daß man mit Vernunft Menschen dazu bringen könnte, mehr zu werden als nur ein Kleinanleger.

  
       
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william faulkner. wilde palmen.

wilde palmen

Der beste Liebesroman, den ich kenne. Ein Student aus armseligsten Verhältnissen und eine Frau aus der besseren Gesellschaft brennen durch, reisen durch Amerika, nehmen merkwürdige Jobs an, Schaufensterdekos, Schundromane schreiben, eine Bergwerksinspektion, am Ende stirbt die Frau bei einer Abtreibung, er steht im Gefängnis und denkt: Wenn ich mich zwischen dem Nichts und dem Leiden zu entscheiden hätte, würde ich das Leiden wählen.

  
       
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john updike. unter dem astronautenmond.

updike

Habe ich mit 17, 18 gelesen, stand im Bücherregal meiner Eltern, durch das ich mich damals fraß, das ganze Amerikaner-Sortiment, Updike, Hemingway, Faulkner, aber auch so zweifelhafte wie Harold Robbins, dessen Shopping & Fucking-Trash ich bis heute mag. Unter dem Astronautenmond ist der zweite Teil der Rabbitt-Serie, amerikanische Suburbia-Welt im Zustand ihrer Explosion. Rabbitts Frau brennt durch und lebt mit einem griechischen herzkranken Autoverkäufer, Rabbitt nimmt eine minderjährige Ausreißerin und ihren schwarzen, kriminellen, drogendealenden, möglicherweise den Black Panthern angehörenden Begleiter auf, im Fernsehen läuft die Mondlandung, auf der Erde gehen alle Landungen immer daneben. Alle zerfleischen einander, aber noch erbarmungsloser sich selbst, es gibt viel Sex, von jener Sex, die zuerst wie eine Erlösung aussieht, dann aber mit Katzenjammer bestraft wird, alles bricht auseinander, eine unglaublich gut geschriebene Geschichte aus einer Epoche, in der die Welt kurz so aussah, als könnte sie sich häuten. Unter dem Astronautenmond ist das Echo dieser Illusion.