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100 7 CDs von Kung Shing 150
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elvis presley. sunrise - the complete sun recordings.

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Immer wieder habe ich mir überlegt, welche Musik ich als erstes gehört habe. Ich meine keine Kinderlieder oder Gassenhauer. Ich meine diesen magischen Moment, in dem man an Papis Plattensammlung geht, sich eine Platte schnappt und sie auflegt. Bei mir war das so, nur daß ich keinen Papi mit einer Plattensammlung hatte und daß meine Mutter nur zwei Platten besaß - eine sehr schreckliche von James Last. Und eine Doppel-LP von Elvis mit allen seinen Hits. Damals entschied ich mich für Elvis Presley, wer weiß, wo ich gelandet wäre, wenn es James Last gewesen wäre. Ich nahm unseren Plattenspieler, der aussah wie ein Aktenkoffer, man mußte ihn öffnen, unten lag der Plattenteller mit dem Regler für die Lautstärke und einem Kippschalter für Mono- oder Stereobetrieb, und im Deckel war der Lautsprecher. Ich stellte das Ding auf unseren Wohnzimmertisch und drehte voll auf, ich nahm das Springseil meiner Schwester, dessen Holzgriff war mein Mikro, und sang That´s Allright Mama, dabei hüpfte ich durchs Wohnzimmer, zu Jailhouse Rock sprang ich auf das Sofa, meine Bühne. Für einen Moment war ich der King. Ungefähr drei Wochen ging ich meiner Familie mit Elvis auf Geist und Ohren. Der Versuch meiner Mutter, mich mit einer Märchenplatte zu bestechen, mißlang, Peter und der Wolf landeten bei meinen Schwestern, ich war schon gefressen worden. Wann immer ich diese Musik heute höre, suche ich mir ein Sofa, auf dem ich herumhüpfen kann.

ks
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quincy jones. bossa nova.

bossa nova

Musik ist Trumpf war die große Samstagabendshow im Fernsehen und für mich eine Chance, länger aufzubleiben. Ich saß in meinen Schlafanzug da, trank ein Gemisch aus Cola und Fanta, aß Chips oder Salzstangen dazu und versuchte Spaß zu haben. Die Kalauer von Peter Frankenfeld gingen so durch, Helmut Zacharias mit seiner swingenden Geige war klasse für eine Pinkelpause, der Tiefpunkt war ein Medley beliebter Straußmelodien, vorgetragen von Rudolf Schock, aber dann auf einmal wurde es unruhig im Wohnzimmer. Ich konnte nicht anders. Plötzlich mußte ich wippen. Das RIAS-Tanzorchester spielte auf, ich ging zu unserem Saba hin, um ihn lauter zu stellen, zeitgleich stürmte das Fernsehballett den Bildschirm. Das Ballett tanzte zu Samba, Rumba und Salsa, und es klang wie etwas, was lustig macht. Einen tropischen Cocktail nannte Peter Frankenfeld das, und auch bei meiner Mutter schien er zu wirken, denn sie wippte mit. Viele Jahre später war ich auf Klassenreise in Idar Oberstein und besuchte dort ein Stadtfest, bei dem eine Air Force Big Band dieselben Melodien spielte, die ich im Fernsehen gehört hatte, nur viel lauter und viel mächtiger. Und wieder wippte ich mit. Jemand erzählte, die Musik sei von Quincy Jones. Seitdem weiß ich, daß tropische Cocktails Soul Bossa Nova heißen oder Boogie Bossa Nova oder auch On The Street Where You Live.

  
       
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henri mancini. breakfast at tiffany´s.

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Lieber Herr Kung Shing,

vielen Dank für Ihren Brief, und entschuldigen Sie meine verspätete Antwort. Ich war sehr gerührt, daß Sie nach Holly Golightly fragen, weil seit meiner Jugend keiner mehr von ihr gesprochen hat, außer mein Vater, er erzählte dauernd von ihr, Holly hier, Holly da, naja, egal, habe ich schon Ihre Frage beantwortet? Ich muß mich noch einmal entschuldigen, daß ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen kann, denn leider besitzen wir von Miss Golightly keine Fotos mehr, mein Vater hat, in einem Anfall von Wahnsinn, sein Archiv verbrannt, samt aller Negative. Der Wahnsinn rührte, wie meine Mutter meinte, von Wodka und Gin, einfach zuviel davon. Ich kann mich noch erinnern, wie er schreiend um ein großes Lagerfeuer sprang, wie ein wilder Indianer um einen Marterpfahl, danach hat er nie wieder fotografiert. Das Einzige, was noch an Miss Golightly erinnert, ist eine afrikanische Holzschnitzerei, die an seinem Totenbett stand, mein Vater behauptete immer, sie sähe ihr ähnlich. Verzeihen Sie, ich schweife ab. Aber ich habe vor einiger Zeit eine uralte Freundin meines Vaters getroffen. Sie heißt Mag Wildwood und lebt in einem Altersheim. Sie saß zusammengekauert in einem Rollstuhl und aß eine große Schüssel grüner Oliven, sie sagte, es wäre das Einzige, was sie noch an Martinis erinnere. Als sie erfuhr, daß ich Yunioshis Tochter bin, kamen wir ins Gespräch, und ich habe mir erlaubt, von Ihnen zu erzählen. Leider hat auch Mag Wildwood keine Fotos von Holly, aber sie gab mir eine Schallplatte mit. Die Platte ist von Henry Mancini. Ich habe sie für Sie aufgenommen und bitte um Verständnis für die schlechte Qualität, die Platte ist sehr alt und hat viele Parties erlebt. Miss Wildwood meint, die Platte sei genau das Richtige für Martinis, dunkelhaarige Mädchen, gute Anzüge und... ach Sie wissen selbst, was ich meine. Mein Gott, ich schreibe und schreibe, verzeihen Sie, aber ich hoffe, die Musik wird Sie ein wenig trösten. Ich mag besonders das Stück "The Big Blow Out". Viel Spaß beim Tanzen, schließen Sie einfach die Augen, vielleicht erscheint Ihnen Holly Golightly ja.

Ihre Gisela Yonioshi

  
       
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dionne warwick. greatest hits.

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Zum Dionne Warwick-Fan bin ich erst durch ein Konzert geworden, davor war sie mir nur als Tante von Whitney Houston bekannt. Freunde hatten mich dazu überredet, also ging ich mit ins CCH. Als ich sah, welches Publikum sich da eingefunden hatte, wollte ich sofort mein Geld zurückhaben: Schwule in Village People-Kostümen, alternde Tanzlehrer mit gefärbten schwarzen Haaren und Koteletten, Frauen, die viel zu kräftig für ihre Paillettenkleider waren. Eine besonders kräftig geschminkte Samba-Matrone schwenkte frenetisch ein Glitzerpappschild mit der Aufschrift "HH grüßt Die Queen of Easy". Oh, mein Gott. Und dann ging es los. Das Orchester spielte auf, die Village People-Matrosen jaulten, und dann kam sie, die Queen of Easy, sehr mollig und in einem knallroten Satinkleid,. Don´t Make Me Over sang sie und gleich danach Walk on By und I Say A Little Prayer, und auf der Stelle war ich bekehrt. Dionne Warwick singen zu hören, ist wie ein gutgebügeltes Hemd zu tragen.

  
       
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jerry lee lewis.
the complete sun recordings.

jerry lee

Irgendwo in den 80er in einem Jugendzentrum in einem Hamburger Vorort. Es findet gerade Jugenddisco statt, es ist ungefähr 21.00 Uhr, der Raum ist verraucht und aus den Lautsprecher lärmt ein Stück von AC/DC, drei betrunkene Jungs in HSV-Kutten schütteln ihren Kopf dazu, es riecht nach Joints und Alkohol. Ich sitze auf einer Matratze mit Jürgen zusammen, und wir trinken Aldi-Bier.

"Sach mal Knuth, warum hörst du eigentlich so ne Wichsmusik, ich meine, so Scheiß haben meine Eltern gehört, außerdem seid ihr Teds alle Nazis", rülpst Jürgen und nimmt einen Schluck Bier.

"Und ihr Punks tragt Hakenkreuze, und außerdem weiß ich wirklich nicht, was an den Clash oder den Sexpistols neu sein ist. Ist doch dasselbe wie Rock´n´Roll, nur schneller."

Meine Erklärung geht im Lärm unter. Die HSV-Fans haben den DJ vertrieben und spielen ein anderes Stück von AC/DC.

"Wir tragen Hakenkreuze, weil wir provozieren wollen, weil dieser Schei..." Jürgen kommt nicht gegen AC/DC an, wir gehen raus und setzen uns auf einen Müllcontainer und machen zwei neue Dosen Bier auf.

"Unsere Eltern haben Bill Haley, Pat Boone und Peter Kraus gehört, sie meinten, es wäre Rock´n´Roll, aber es ist so, als würdest du wichsen mit ficken verwechseln", sage ich und mache eine typische Handbewegung.

Jürgen setzt die Bierdose an, ein Tropfen Bier läuft an seinem Hals runter. "Sag mir doch einen von deinen Typen", blökt er mich an.

"Jerry Lee Lewis. Der Typ wollte Pastor werden, ist aber irgendwie in Memphis gelandet."

"Memphis?"

"Memphis war damals das, was für die Punks London ist, naja, aufjedenfall hatte er ziemlichen Erfolg, vielleicht kennst du Great Balls of Fire, egal, später hat er in Konzerten sein Klavier verbrannt oder es zertrümmert, danach hat er sich ein Groupie geschnappt und gevögelt und jede Menge Drogen dazu genommen. Klingt doch vernünftig. Richtig bergab ging es mit ihm, als er eine Sechzehnjährige geheiratet hat, die in Wirklichkeit erst zwölf war, dann..."

Jürgen unterbricht mich. "Ey, der Typ war ein Kinderficker!"

Ich nicke und gebe zu bedenken, daß unsere Eltern so einen Typen bestimmt nicht gehört haben. Wir beide bemerken, daß es auf einmal ruhig ist. Ich frage Jürgen: "Kann es sein, daß wir gerade zwanzigmal Highway to Hell gehört haben?" Jürgen nickt. Auf einmal ein Krachen, die HSV-Fans haben eine Prügelei begonnen, man hört nur dumpfe Schläge, ein Sozialarbeiter versucht sich als Friedensengel. Wir beide schauen uns das Geschehen durch das Fenster an.

"Wie ungeil", meint Jürgen. Wir trinken unser Bier aus. "Drogen, Musik und ein Kinderficker. Nee, meine Eltern sind nicht so. Punk aber auch nicht. Scheiße, wir sehen uns am Montag in der Schule. Tschüß Knuth."

Als er davonschlurft, fällt mir auf, daß sein Nietengürtel viel zu weit ist, er muß sich beim Gehen die Hose hochhalten. Ich haue auch ab und pfeife Great Balls of Fire. Aus der Ferne höre ich eine Polizeisirene.

  
       
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michael jackson. off the wall.

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In deutschen Discos sieht man immer dasselbe Bild. Die Frauen tanzen, die Männer stehen mit einem Bier in der Hand herum und schauen zu. Dancefloorspotter, einfach kein Gefühl. Das Gegenteil von Gefühl ist Techno, der Rhythmus ist zu beats per minutes verkommen, alle zappeln für sich, Loveparade gemeinsam einsam. Aber echtes Tanzen braucht Musik, bei der man den Rhythmus mit dem Bauch schlagen kann, eine Art Bauchklatscher, außerdem braucht man eine Partnerin, die sich anfassen läßt, einen guten Club, und die Musik kommt von Michael Jackson und zwar von Off the Wall, auf der Stücke sind wie Don't Stop Til I Get Enough oder Burn This Disco Out. Ein echter Moonwalk!

  
       
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glenn gould. the glenn gould legacy vol. 2: haydn, mozart, beethoven.

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Sonaten, Terz, Allegro, Anschlag sind mir fremd, und ich kann immer noch nicht zwischen Des und Dur unterscheiden. Diese CD ist die einzige Klassik-CD, die ich regelmäßig höre. Die CD habe ich nur gekauft, weil ich das Bild von Glenn Gould auf den Booklet gesehen hatte. Es zeigt einen Mann der friert, er hat seinen schwarzen Mantel hochgeschlagen, er trägt eine braune Mütze und und steht irgendwo in einer Winterlandschaft. Er ist genervt und ist sicherlich froh, wenn der Fotograf endlich wieder verschwunden ist. Er sieht aus wie ein Schriftsteller oder wie ein sowjetischer Dissident, nicht wirklich wie ein Pianist, kein warmes Studiolicht, keine Schminke, kein Frack und kein polierter Steinway, nur warmer Atem an einem sehr kalten Tag. Ich kaufte diese CD und hörte das erste Stück Beethovens Concerto No.1. Und danach hörte ich alle drei CDs hintereinander. Wow! Was der Dissident da machte, war cool.