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100 7 Maschinen von Stefan Knecht 150
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heinkel 103 A2.

heinkel roller

Die Heinkel, ein Motorrollertraum. Die Heinkel ist ein Schiff, länger, breiter, haifischflossiger als alle anderen. Die Vespa am Nachbarparkplatz wird zum Beiboot. Harley-Killer, wunderschön altmodisch und widerborstig zu fahren. Ein Viertakter: was solideres als diese hornissensummenden Plastikreiskocher. Alles aus 1a deutschem Blech. Drei Erwachsene finden auf der langen Sitzbank angenehm Platz. Unter dem vorderen, starren Kotflügel lenkt das Vorderrad. Die Räder klein wie Schubkarrenräder. Am Bürzel über den Rückleuchten, die einem 50er Cadillac Ehre machen würden, thront ein Gepäckträger mit unterlegtem Reserverad. Sehr schnittiges Fahrzeug. Als Ernst Heinkel nach dem zweiten Weltkrieg aus verständlichen Gründen keine Flugzeuge mehr bauen durfte, verlegte er sein Ingenieursgeschick in die Konstruktion von Motorrollern. Das sieht man. Im Wirtschaftswunderland war Mobilität gesucht und HEINKEL noch ein guter Name. Die legendäre He70 war der der schnellste Jäger über den Aschen des Reiches.

Der 103A2 bringt rauschafte 90 Sachen aus 9,5 PS und 173 ccm ­ damals ein As, heute zieht jeder Japanroller besser. Einer davon ist meiner. Zwei hatte ich mal, einen als Ersatzteillager. Der fahrbare war ehedem bei der Münchener Straßenverkehrspolizei im Einsatz. Mehrfach zerlegt, Kolben beschliffen und erneuert, strahlend weiss lackiert mit opulent blitzenden Chromzierleisten über die ganze Länge. Was ist schon ein stinkender Zweitakter gegen den König der Roller ...?

Und hier der Sound des Heinkel:
.wav | .aif | .mp3

sk
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der pilot.

palm pilot

Als der Pilot das Licht meiner Welt erblickte, wurde das schweinslederne Filofax in einer Schublade beerdigt. Da wohnt es nun. Seitdem ist alles anders.

Ein Filofax braucht, wer sich nichts merken kann. Ich kann die einfachsten Dinge nicht behalten. Berge von Haftnotizen verklebten die Terminschwarte, verirrten sich in Taschen, Jacken und verschwanden. Auf Nimmerwiedersehen. Dahin auch all die hübschen Ideen. Vielleicht auch ganz gut so.

Adressen? Ein Drama! Um die Jahreswenden begann alle Jahre wieder das grosse Aussortieren, Übertragen, Korrigieren. Karteileichen, Verflossene, Bekanntschaften, alle wollten sie übertragen werden in einen neuen Blanko-Adressenblock. Wenn man ihn denn rechtzeitig besorgt hatte. Jedes Jahr wieder das Gerenne um sündteure Jahreseinlagen besorgen. Zwei Jahreseinlagen passen nicht in den Spannmechanismus. Also müssen Januar bis Mai des alten Jahres dran glauben und aussortiert werden. Ein halbes Jahr! Hinweg! Ausgelöscht!

Nun sind diese Filofaxe etwas Haptisches, was zum Anfassen. Speckig und persönlich mit eingelegten Fotos und stapelweise Steuerbelegen. Das hat was. Menschelt irgendwie, Ausdruck der Persönlichkeit usw. ­ verschwindet nur ebenso schnell, wenn es beim Anfahren auf dem Autodach vergessen wird. Bye bye Persönlichkeit.

Einen Pilot braucht, wer sich nichts merken kann und täglich vor dem Rechner sitzt.

Schlagartig ändert sich die Organisation meines Daseins: Verzogen? Kein Problem, Nummer geändert. Das 342te Passwort? Reinkopiert und schon vergessen. Am Freitag abend in drei Wo-chen Zeit? Mo-ho-ment: jep. Ein kleiner Knopfdruck, "bing", alles gesichert. Schonmal ein Filofax kopiert? Eben.

Der Pilot kann genau, was er können soll. Nicht mehr, nicht weniger. Termine, Adressen, Notizen und eine Was-ich-auch-noch-machen-wollte-Liste. Mehr braucht man nicht. Wenn es denn sein soll, dann kann man damit auch ins Internet oder eMail holen. Aber wer braucht das schon ernsthaft? Mein erster Pilot war ein 5000er. Er ruht in Frieden neben dem Filofax. In der Stille der dunklen Schublade giften sie sich an wie Walldorf und Stettler.

Manchmal höre ich das Zischeln.

  
       
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der akkuschrauber.

akkuschrauber

Umziehen ohne Akkuschrauber? No way, dude. JEDER Mensch braucht einen Akkuschrauber. Früher oder später. Wenn grundlegende Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Liebe usw. gedeckt sind. Spätestens dann kommt der Schrauber. Schrauber führen ein wechselhaftes Dasein. Werden sie gebraucht, so stehen sie im Mittelpunkt, werden bewundert und hochgeschätzt. Braucht man sie nicht, verstauben sie im Keller. Entladen langsam ihre Akkus. Leiden leise. Würden allzugerne ratternd Spaxe drehen, IKEA-Küchen für alle Zeit verbinden und Kreuzschlitze mit ihrer puren Gewalt auf Nimmerrausdrehen vermurksen. Frauen, Männern! Schenkt Euren Liebsten Akkuschraubern! Denkt an Weihnachten.

  
       
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der zählstempel

zahlen

Ein wunderbares Werkzeug, zugegeben: weniger eine Maschine. Zählstempel sterben unweigerlich aus. Wer braucht noch eine Maschine, die Nummern stempelt? Wo Labeldrucker und Beschriftungsmaschinen meterweise nummerierte Aufkleber ausspucken. Massiver Stahl, verchromt. Gebaut für den harten Einsatz in Lagereien und Registraturen. Jeder Druck produziert ein präzis metallisches Geräusch. Zonk! 130657, 130658, 130659. Wahlweise kann man an einem kleinen Hebel die Zählfrequenz einstellen. Immer die gleiche Nummer, oder um eins bis vier erhöhen.

Wunderschöne Lettern.

Schade nur, dass ich nichts habe, was ich sechststellig nummerieren müsste. Hab lange überlegt, ob ich spasseshalber ein Archiv mit lauter leeren Karteikarten anlegen sollte, die dann alle nummeriert gestempelt würden. Nur um mit Fug und Recht sagen zu können: ja! es war ein guter Kauf!

  
       
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der mixstab.

mixstab

Allein die VORSTELLUNG, man würde VERSEHENTLICH den Finger in das wieselflink rotierende Schneidwerk bringen! Gruselig. Wunderbar aber, wenn man mal eben aus einem Tomatenbatz samt Haut (blanchieren, schälen und sich die Finger verbrennen? Pffft. In Italien ist die Haut auch immer dran und jeder findets wunderbar ...) einen Tomaten-Basilikum-Fond machen will. Geht ja anders nicht. Bsst Bsst bsssssst. Ratzfatz alles kleinrotiert. Fantastisches Gerät, dieser Mixstab, wirklich allerliebst. Auch sehr nützlich für Gelberübensuppen (Karotten oder besser: Möhren sagt man wohl, da droben am Meer). Mit einem Schwall Wasser ausgespült und fertig. Mehr Suppe! Mehr Nachschub! Will kleinhacken!

  
       
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toshiba T1000.

der t 1000

Mein erster war ein Toshiba. Der T1000 hatte einen 80C88-Prozessor mit 4.77 MHz. Vierkommasieben, nicht vierhundertsiebenund- siebzig. 512 kb RAM, eine CGA-Display und eine der angenehmsten Tastaturen, die es gibt. Klickediklack. Stundenlang konnte man darauf schreiben. Das Allertollste: keine Festplatte! Auf Akku ratterte der Rechner gut vier Stunden. Beim Booten musste DOS 2.1 auf Diskette im Laufwerk sein. Das lud er sich in den Hauptspeicher, und dann waren mit allerlei Tricks noch gut 400k Platz für Software. Sinnlose Basic-Programme konnte man schreiben oder mit Z-Modem und dem Akustikkoppler versuchen, sich ins Maus-Netz zu hacken. War aber alles da: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Tetris! Der Tetris-Killer war Blockout, die geklonte Tetris 3D-Variante eines russischen Programmierers. Dreidimensionale Würfel zuckelten müde die CGA-Grafik entlang und wollten passend einsortiert werden. 1986 gab es dann dann "Leisure Suit Larry: In The Land Of Lounge Lizards". Ein prima Spiel war das. Larry war ein einsamer Trottel auf der Suche nach der ewigen Liebe und musste allerlei Abenteuer bestehen. Hab ich nie zu Ende geschafft, leider.

  
       
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der akustikkoppler.

akustikkoppler

Das war laaange vor dem Netz. Damals gab es noch keine Modems, jedenfalls nicht für Besitzer von kleinen T1000-Laptops. Akustikkoppler musste man mit der seriellen Schnittstelle verbinden und mit dem MODE-Befehl komplizierte Sequenzen initialisieren. In die beiden gummigefassten Ohren wurde der Telefonhörer hineingedrückt und anstelle des Telefonkabels das Kabel des Akustikkopplers in die die Telefondose gesteckt. Was dann folgte, war pures Abenteuer. War ja noch Mailboxzeit, damals, eine Handvoll Boxen mit wenigen Usern. 400 baud schafften die besten Geräte, unter optimalen Bedingungen und wenn die Leitungen nicht knackte. Baud war ehedem die Signalisierungsgeschwindigkeit für Telegraphen: ein Morsezeichen pro Sekunde. Vierhundert waren schon ziemlich schnell. Eines Tages hatten ich als Schlafgast eine pickligen Knaben aus Hannover. Er wollte einen der ersten Hacker-Kongresse in München besuchen. Er hatte ein schnelles Laptop und seinen eigenen Akustikkoppler dabei und damit gefummelt. Die ganze Nacht hing er an der Leitung. Später erfuhr ich dann, das er in einer grauen Verbindung zu einem der bekannteren BTX-Hacks stand. Stimmt, BTX gab es ja auch noch. Sein Bild kursierte in den Medien. Wahrscheinlich ist er jetzt Sicherheitsberater bei einer Bank oder stinkreich. Gönne ich ihm.

Mein erstes richtiges Modem war dann das legendäre Zyxel U-1496E. Hat an die 800 Mark gekostet und war ein echter Bolide. 14.000 baud reichten völlig: das Netz hatte noch keine Bilder und GOPHER, VERONICA und ARCHIE waren sparsam. War ziemlich lässig, von daheim auf dem Unirechner zu surfen, konnten nicht viele.