logo
100 150
100 7 CDs von Stefan Knecht 150
100    150
1

renaud garcia-fons & jean-louis matinier. fuera.

fuera0

Quetschkommode und Kontrabass. Pfft. Riecht nach Volksmusik. Is´ aber ganz anders. Die sind tatsächlich nur zu zweit. Man hört ein ganzes Orchester, viele Orchester. Laut muss man das hören, bis zum Anschlag. Und dann die Augen schliessen. Der halbe Orient entsteht, zumindest alles südlich von Lucca. Oder Nizza nordwärts. Oder Biarritz bei schlechtem Wetter. Enorme Stimmungen. Bei "Sanlúcar" fühlt man den warmen Wind durchs Fenster, südlich von Aix, durch die Provence und bald kommt das Meer. Die Boulevards in Paris piafen vorüber und Regenwolken drücken und das Doisneau-Photo mit dem sich beugend küssenden Paar kommt in den Sinn. Friedlich warm.

sk
7
 
       
2

chick corea. light as a feather.

chick

Light as a Feather war so eine Art Einstiegsdroge. Irgendwie muss es ja beginnen. Er hatte auch andere Jazz-Scheiben, war gut 10 Jahre älter als ich und enorm zickig mit seiner Anlage. War überhaupt ein toller Hecht, konnte schweißen und hatte einen 52er Käfer, den er eigenhändig tiefergelegt hatte. Dunkelgrün war das Auto und er hatte das Ovalfenster zu einer Brezel rückgebaut. So wollte ich mal werden, wenn ich auch gross sein würde. Nur unter seiner Anleitung durfte ich seine Platten aufnehmen, auf der teuren MARANTZ-Anlage. Es gab präzise Regeln, wie jede Platte vor der Benutzung mit feuchtem Reiniger und einem speziellen Bürstchen gereinigt zu werden hatte. Fand ich irgendwie affig. Die Boxen hatte er auch selbst gebaut. Ein Teufelskerl. Wenn ich mich recht entsinne, waren die innen mit Beton ausgegossen, angeblich wegen der besseren Resonanz oder so. Wahrscheinlich musste er die beim Umziehen sprengen. Jedenfalls allerfeinstes Hi-Fi zu der Zeit. Grüne Lichter hinter den Anzeigen und enorm grosse Stellräder. Dutzende von Schaltern die mir keinen Sinn ergaben. War auch wurstegal, weil auf meinem portablen TELEFUNKEN Radioboy machte es keinen grossen Unterschied in welcher Qualität aufgenommen wurde, beim Abspielen klang alles gleich muffig. Wobei, stimmt nicht: auf den roten BASF- ChrO2 Kasetten konnte man mit voller Treble-Aussteuerung noch ungeahnte Höhen rauskitzeln. Chick Corea und Gary Burton spielen im Duett und die kongeniale Flora Purim singt engelsgleich. Besonders bei "Light as a feather". Der Text ist original 70s. Ziemlich softiger Jazz,Vibraphon, E-Gitarre und viel Synthi. Das wah-wah Pedal unter dem Fender Rhodes kommt kaum zur Ruhe. Stanley Clarke am Bass. Bei "You´re Everything", einem Porter-Standard, komme ich immer wieder in Wallung. Einer der wenigen Texte, die ich behalten kann. Den Querflöten-Riff kann ich auch noch nachspielen, fast perfekt sogar und den von der letzten Nummer "Spain", den auch. Tagelang geübt dafür, damals. Ein halbes Leben her. 1a Musik.

  
       
3

dhafer youssef. malak.

malak

Kennt jemand Sufi? Schmerzhaft hoher Männergesang von der Oud begleitet? Onk-obkonk-oink aus dem Bauch von Tablas? So ist das. Kombiniert mit Nguyên Lê, Renaud Garcia-Fons am Bass und Markus Stockhausen an Flügelhorn und Trompete. Die ersten beiden kommen weiter unten nochmal vor, fällt mir eben auf. Reiner Zufall, ehrlich. Bei fremden Ton- und Klangsystemen haben wir Westler gern´ den Eindruck, es liefe ´was daneben und die Musiker hätten ihre Instrumente nicht gestimmt. Ganz verkehrt, sowas. Vielleicht ist der Reiz ja eben die Kombination und das hin- und herschwingen zwischen den Systemen, die Mischung und weniger die Klarheit. Youssef ist Tunesier und sein Stimmvolumen stellt jeden Opernstar ins Abseits. In der Kopfstimme zieht er sich in so unwahrscheinliche Höhen, dass selbst dem abgebrühten Weltmusikhörer wiederholte Schauern über den Rücken laufen. Völlig versunken, der Kerl in seine Musik. Abgedreht. Und dazu die Band der irren Virtuosen. Die Kombo würde ich gerne mal bei Karl Moiks volkstümlicher Hitparade unterbringen. Explodierende Fernsehgeräte bei den lieben Zuschauern zu Hause.

  
       
4

massive attack. mezzanine.

massive attack

Da kommt man komisch drauf mit der Scheibe, ganz komisch. Es bleibt ein Geschmäckle ... was Aggressives, bohrendes. Wütend wird man und blind entschlossen. Unnachgiebig harte Musik ist das, dumpf, spacig. Wenn ich mal Regisseur werde, dann wird MEZZANINE die Filmmusik für mein erstes Weltraum-B-Picture. Was auch immer ausgelöst wird: es ist nichts Schönes, Heiles, Gutes, sondern pure Kraft. Ein paar vorsichtige Anflüge versöhnen versuchsweise mit dem Schlechten der Welt. In "Teardrop" singt eine zarte Stimme von Tränen. Ich sehe ihren gepiercten Bauchnabel. Ein knochiges Wesen vermutlich, eine die Samstag nachts um zwei loszieht und bis Sonntag mittag bleibt. Macht nur Scherereien so eine Frau, lieber mal stehen lasen. Wahrscheinlich ist sie umschwirrt und begehrt von jungen Männern mit Bartresten im Kinngrübchen und Tatoos an den Oberarmen. Mit diesen Plastikjacken mit futuristischen Labels an der Brust. Und arschbetonten schwarzen Hosen aus Kunstfaser. Nicht meine Baustelle. Aber irgendwie OK. Stadtmusik ist das, hypnotischer Trip-Hop. Man kann sich prima in Rage schreiben.

Die Songtexte dazu gibts hier, aber die machen den Kick nicht aus. 

  
       
5

john mc laughlin, zakir hussain,
t.h. "vikku" vinayakram und l. shankar. remember shakti.

shakti

McLaughlin hält sich gottlob zurück. Er verblasst auch neben der transzendenten Kunst seiner indischen Kollegen. Seine Parts fühlen sich holzig und ungelenk an neben luftigen Schleifen der Ragas. Musik ist Medizin. Ragas malen Stimmungen in den Kopf. Am Morgen gehört ist der Tag dein Freund. Wie Hariprasad Chaurasia seine Bansuri bläst und lautlose Zwiesprache hält mit den anderen, wie Melodien gleiten und schweben, so muss Indien sein, wenn man den Dreck wegräumt. Danach ist alles wieder gut. Sehr versöhnliche Musik.

Mehr zu Ragas, ein Bild der Kombo und ein Artikel zur Geschichte von Shakti und zur Theorie indischer Musik

  
       
6

nguyên lê. tales from viêtnam.

vietnam

Ich war noch nie in Vietnam. Würde aber gern mal. Den Mekong entlang mit dem Fahrrad radeln. Killing Fields fand ich eindrucksvoll. Diese Bilder im Kopf. Dampfender Dschungel, geschundenes Land. Kleine wuselige Vietnamesen mit kegeligen Basthüten auf dem Kopf, barfuß in schwarzen Schlafanzügen Richtung Horizont, auf der Schulter eine Tragestange mit Viechzeugs oder Gemüse oder wasdennichwasdiedauntenrumtragen. Einerseits.

Andererseits ist lê zwar Vietnamese, kann aber angeblich kein Wort vietnamesisch sprechen. Sehr verdächtig. Ich war mal auf einem Konzert von ihm. Er hat eine dickrandige schwarze Brille, so eine rechteckige Literatenbrille und sieht ganz normal aus, wie Amis eben aussehen. Oder Franzosen. Nichts auffälliges. Gitarre spielen kann er wie der Teufel. In der Mischung mit vietnamesischen Clips und Melodien und pizzeligen Lauteninstrumenten kann man sich auf nichts verlassen. Eingestreute Gamelan-Passagen sind völlig verwirrend. Wann immer man zufrieden ist, und glaubt, sich eingehört zu haben, wird alles anders und die Musik schlägt irrwitzige Haken. Vietnamesisch ist aber nur die Kopfnote quasi, wie bei einem Wein. Der Körper ist Jazz, Fusion, westlich. Ein begnadeter Musiker. Die TRIOS sind auch prima. Jede Scheibe eine kleine Reise. Das ist eh´ das Schönste: mit Musik verreisen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

  
       
7

act. more magic in a noisy world

act

ACT ist ein prima Label. Die Sampler aus der Serie "More Magic in a noisy World" sind allererste Sahne. Kann man allesamt bedenkenlos kaufen, habe ich nie bereut. Im  Februar gibt es eine neue Ausgabe. Die Sampler sind ausnehmend gute Zusammenstellungen von Artisten, die man ansonsten nie im Leben finden, geschweige denn hören würde. Fortbildung mit anderen Mitteln. Kaufen! Viel Freude für 10 Mark.



Eigentlich bin ich eingefleischter Jazzfan. Weltmusik habe ich erst vor kurzem entdeckt und würde gerne den Journalisten vierteilen und federn, der den Begriff "Weltmusik" geprägt hat.  Blödsinn, sowas. Zur Zeit ist es Schwarzafrikanisches, Fado und indische Musik, was ich gerne höre. Weil ich doch nach Indien fahre, davon aber anderswo. Ich kann auch beim besten Willen nicht behaupten, dass diese sieben Scheiben meine besten sind, echt nicht. Wie soll das auch gehen, Praschl? Morgen ist doch alles anders und was mache ich dann? Nochmal sieben Scheiben schreiben? Na ja. Geht ja auch. Bach habe ich vergessen. Ich könnte mich von Bach ernähren.