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100 7 Zwerge  von Andrea Dusl 150
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kaiser franz josef. der kaiserzwerg.

kaiser

Franz Josef Prohaska, wie ihn die Tschechen nannten, der längstdienende Monarch des Kontinents, der erste Beamte seines Staates, war von elfenhafter Kleinheit. Könnten wir uns nur auf zeitgenössische Berichte und geschöntes Fotomaterial verlassen, die Sache wäre höchst dubios. Kaiser werden ja nicht vermessen. Und Polizeiakten der höchst majestätischen körperlichen Daten dürften auch nie angelegt worden sein. Trotzdem wissen wir, daß Sisis Göttergatte ein Zwerg war. In der Stoffsammlung der weltlichen Schatzkammer zu Wien befindet sich jener winzige Uniformrock, den Kaiser Franz-Josef anhatte, als ihn, während eines Spaziergangs auf dem Glacis, ein eifersüchtiger junger Ungar dadurch zu ermorden trachtete, daß er ihm mit einem Messer an die Gurgel fuhr. Allein der steife Kragen des Monarchenrocks vereitelte das Attentat und führte zum Bau der Votivkirche, einer ausgewachsenen französischen Kathedrale, die Franz Josef aus Dankbarkeit am Tatort errichten ließ (der Ungar wurde trotzdem hingerichtet). Der Grund für den Mordversuch war zutiefst bürgerlich, ja geradezu erdverbunden: Franz Josef, der gerne und begabt dem weiblichen Personal nachstellte, hatte die Schwester des Attentäters "entehrt", ohne ihr dafür die Ehe anzubieten. Daß der Kaiser ein Zwerg war, kann ich bestätigen. Der Original-Attentatsrock aus tuntigrosa Samt ist so klein und eng geschnitten, daß grade mal eine elfjährige indische Tempeltänzerin hineinpassen würde.

Andrea Dusl
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gerd bacher. der fernsehzwerg.

bacher

Viele da draußen in Deutschland, wie es bei uns hier drinnen in Ösenland gerne heißt, also viele da bei Euch in Deutschland fragen sich, woher denn das kommt, daß in jedem deutschen Privatsender ein Ösi sitzt, und woher denn das kommt, daß die so verdammt erfolgreich sind mit Fernsehmachen, wo sie doch aus einem Land kommen, das mit Fernsehen, also mit richtigem Fernsehen rein gar nichts am Seppelhut hat. Nun, die ganzen dicken Ösis, die Eure Privatsender regieren, liebe Deutsche, sind allesamt durch die harte Schule eines kleinen, aber höchst durchsetzungsfähigen Mannes gegangen. Dieser kleine und höchst durchsetzungsfähige Mann war Gerd Bacher (er ist jetzt in Pension und hat so mehr Zeit für Sex als früher). Niemand nannte Gerd Bacher zur Zeit seiner größten Wirkung Gerd Bacher. Alle nannten ihn Tiger. Tiger, weil er so viele Sommersprossen hatte, daß sie ein Tigermuster auf seiner teigigen Haut erzeugten. Der Tiger war mehrere Jahrhunderte lang der Generalintendant des Österreichischen Rundfunks, des ORF (Oahr-Er-Äff ausgesprochen), jenes Staatsfunks, der mächtiger ist, als das Pentagon und der Vatikan zusammen (mit beiden pflegte Tiger Bacher daher auch rege Kontakte). Tiger Bacher war berühmt für seine bizarren Wutanfälle, für seine gnadenlose Durchsetzungsfähigkeit und für seine beinharte konservative Note. In Tiger Bacher wohnte aber nicht nur die Kraft einer indischen Riesenkatze, sondern auch die Bosheit des Rumpelstilzchens. Als eine Sekretärin einmal arglos ihren kleinen Fiat auf die riesige freie Fläche neben dem Hauptportal des ORF-Zentrums am Wiener Küniglberg parkte, riß dem Generalintendanten die Hutschnur: Er stach mit seinem Taschenmesser alle vier Reifen des kleinen Sekretärinnen-Fiat auf. Was aber hatte den Fernsehmogul so erzürnt? Die Alleinerzieherin hatte es gewagt, innerhalb einer fünfzig Meter breiten heiligen Fläche zu parken, die einem ungeschriebenem Gesetz zufolge alleinig dem dicken Benz des Gerd Bacher zustand. Wetten, daß die großen Fernsehbosse bei Euch alle kleine Taschenmesser am Schlüsselbund haben?

  
       
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gustav "ironimus" peichl. der karikaturzwerg.

peichl

Gustav Peichl ist so etwas wie eine nationale österreichische Institution. Wann immer in Österreich "Zeitgeschichte" oder "Baukunst" geschieht, wird der quirlige kleine Mann mit den runden schwarzen Brillen und dem rosaroten Schal um seine Meinung gefragt. Gustav Peichl ist "die" akademische und ästhetische Autorität in Sachen Spannbeton und Tagespolitik, denn er hat immer die gleiche Meinung: Die Baukunst liegt im Argen, weil die Architekten allesamt Nieten sind, und die Politik liegt im Argen, weil die Politiker allesamt Witzfiguren sind. Gustav Peichl kennt sich da aus. Er ist Architekt, und er ist "Karikaturist" (er "zeichnet" täglich "Karikaturen" für "die Presse", eine regierungsfreundliche, und nicht nur deshalb völlig humorfreie und stockkonservative Tageszeitung). Sein nom du guerre als krixelndes Gewissen der Nation ist "Ironimus".

  
       
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al pacino. der heldenzwerg.

pacino

Al Pacino kenne ich natürlich nicht persönlich, aber er hat eine Stimme, die bei mir südlich des Bauchnabels große Wirkung erzeugt. Strenggenommen kann Al Pacino gar kein Zwerg sein, so groß ist sein Talent als Verführer. Al Pacino verführt sogar, wenn er absolute Nobody-Idioten spielt. In einem meiner Lieblingsfilme, "Dog Day Afternoon", spielt er einen arbeitslosen Hektiker, der mit seinem besten Freund eine Bank überfällt. Dabei geht mehr schief als überhaupt schiefgehen kann, und die Sache endet ganz und gar unglücklich. Wie der kleine Italiener es schafft, auch in den allerschlimmsten Michael-J.-
Fox-würde-sich-jetzt-in-die-Hose-machen-
Situationen als absoluter Volksheld von der Leinwand zu strahlen, ist bis auf Clint Eastwood ganz Hollywood ein Rätsel.

  
       
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Der Mann, den sie Kanzler nannten. Der Wendehals ist in Österreich nur bei Bademeistern, Trafikanten und Gymnasialdirektoren populär. Menschen seines Schlages heissen in Wien "Ungustl". Mein Freund, der Dissident Doron Rabinovici, nennt Wolfgang Schüssel in Anspielung auf seine fragile Statur gar den "Millimetternich". Die Identifikationsliteratur des dauerlächelnden Krispindels an der Spitze des geächteten Staates ist Saint Exuperys "Der kleine Prinz". This is not a joke. Wolfgang Schüssel mißt grade mal 1 m 54.

  
       
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jörg haider. der giftzwerg.

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Über den Burschen aller Aufregung möchte ich nicht viel Worte verlieren. Der rechtsradikal-rechts-populistisch- revisionistisch-opportunistische Biertisch-Scientologe ist noch ein paar Zentimeter kleiner als Wolfgang Schüssel. Bei Interviews steht er auf Schemeln, und im Fernsehstudio sitzt er auf Telefonbüchern.

  
       
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gerhard schröder. der wirkliche bundeskanzlerzwerg.

schroeder

Den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland kenne ich dafür persönlich. Das kam so: Als es in Österreich noch eine Regierung gab, die auf EU-Fotos abgebildet werden durfte, gab es ein jährlich wiederkehrendes gesellschaftliches Ereignis, das sich "Kanzlerfest" nannte. Zu so einem Kanzlerfest waren Krethi und Plethi und die etwa 5000 wichtigsten Künstler und Politiker, Industriekapitäne und Journalisten des Landes geladen. Und Mia und ich. Mia und ich waren aus mehrerlei Gründen dort. Erstens aus Neugier, und weil wir uns Einladungen zuschanzen hatten lassen, und weil Mia auskundschaften mußte, ob die Pressesprecherin der Frauenministerin, eine hübsche, aber gefährliche Person, hübsche, aber gefährliche Schritte in Richtung ihres Geliebten, eines jungen und enorm erfolgreichen und daher auch aus pressesprecherischer Sicht enorm begehrenswerten Innenpolitikjournalisten unternehmen würde. Und ich widerum mußte Mia vor Hysterie und Mord aus Leidenschaft bewahren. Mia und ich hatten Cocktailkleider an, die nett anzusehen sind, aber nur mit Schuhen, die für Kieswege und Rasenziegel denkbar ungeeignet sind. Mia und ich standen daher meist dekorativ herum, um in Stöckelweite der Tische mit den köstlichen Häppchen zu bleiben. Hinter uns war ein praktischer Fliederbusch. Und hinter dem praktischen Fliederbusch sahen wir große Männer mit dicken Hälsen, mit Sonnenbrillen und mit Kabeln im Ohr. Und hinter diesen saß der Kanzler der Republik Österreich, der Sozialdemokrat Viktor Klima, und plauschte mit Dichtern und Denkern und mit einem kleinen, breiten Kerl. Viktor Klima hatte sonst nie Männer mit dicken Hälsen und kleine breite Kerle bei sich. Während wir also so sannen, was es wohl mit diesen Männern auf sich hatte, ging plötzlich enorm viel Licht an, auf der Kanzlerseite unseres Fliederbusches. Fernsehlicht. Mia und ich wurden nervös wie Goldfische, denen das Wasser knapp wird, und versuchten, ein Plätzchen an einem der weniger prominenten Fliederbüsche zu finden. Vergeblich. Fernsehen ist schneller. Mia und ich lachten in Kameras. Licht blendete, und irgendwie rochen wir Lunte. Etwas ganz ganz Großes lag in der Luft. Mia und ich sahen uns an, und ein Gedanke brannte durch unsere Hirne: Nicht wir, bitte lieber Gott, bitte nicht wir! Und während wir so dachten und Gedanken in unseren Hirnen brannten und Licht sich in unser dezentes Make-Up grub, sahen wir ihn. Einen kleinen Mann, mehr breit als hoch: Der Bundeskanzler. Gerhard Schröder. Lebend. In Echtzeit. Von Kameras beäugt, von Tausenden Kilowatt Licht bestrahlt und von Henkern mit Kabeln im Ohr beschattet. Und dann ging alles ganz schnell. Der Mittelpunkt der deutschsprachigen Politik stand vor uns. Ein kleiner Mann, mehr breit als hoch, mit einem Lächeln aus Stahl, mit einer Stimme wie der Synchronsprecher von Sean Connery. Das Lächeln kam näher, eine Hand packte zu wie ein Schraubstock, zerdrückte die meine wie ein Bündel frischen Spargel, und die Stimme von Sean Connery sagte:

"Gerhard Schröder. Guten Abend. Wie geht´s?"

So war das. Mia und ich brauchten zwei Stunden, bevor wir wieder ausatmen konnten.