logo
100 150
100 7 Namen von Bernhard Praschl 150
100    150
1

u thant.

u tant

Wie habe ich ihn immer beneidet um seinen knappen Namen. U Thant, von 1961 bis 1971 der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Kaum ein Tag, an dem er nicht die Hauptrolle spielte, als ich ein Bub war. Jedenfalls fiel sein Name oft in den Radio-Nachrichten, sehr oft. So ein wichtiger Mann und so ein knapper Name, habe ich gedacht. Als ich zum ersten Mal ein Foto von Herrn U Thant in einer Zeitung sah, staunte ich auch über die zentimeterdicken Brillengläser. Aber keine Ahnung hatte ich damals, dass der Diplomat aus Birma seinen hohen Posten nur deswegen erhielt, weil sich die USA und die UdSSR auf keinen anderen Kandidaten einigen konnten. Noch weniger Ahnung hatte ich davon, wo sich Birma, das heutige Myanmar, befand. Doch eins war für mich klar: U-NO und U THANT gehörten zusammen. Wie Kleinbahn-Eisenbahnen und Faller-Häuschen.

Natürlich glaubte ich, dass U der Vorname von Herrn Thant war. Hey U, how are you? werden ihn seine Untergebenen im UN-Hauptquartier in New York begrüßten, dachte ich später, als wir in der Schule Englisch aus dem Lehrbuch "Ann and Pat" lernten. Praktisch. Da mußten nicht viele Worte verschwendet werden. Ein Zeichentrickfilm im Kinderfernsehen hatte mich nämlich glauben lassen, unser Sprachzentrum sei mit einer Batterie verbunden - und wenn sich die Energie dieser Batterie zu Ende neigte, so die pädagogisch wertvolle Botschaft, müßten wir stumm durch die Welt taumeln. Wenn alle Namen so kurz wie der von U wäre, überlegte ich, könnte man eine Menge Energie sparen.

U Thant wurde als UN-Generalsekretär von Kurt Waldheim - der mit den Gedächtnislücken über seine Wehrmachtseinsätze - abgelöst. Als ich 1981 zum ersten Mal in den USA und in New York war, besuchte ich auch das UN-Hauptquartier. Eines der Souvenirs, die ich dort kaufte, war eine schöne Info-Mappe mit Porträt-Postkarten-Porträts der Generalsekretäre Hammarskjöld, U Thant, Waldheim. Zu Hause fanden die drei ganz gut Platz unter meinem Blondie-Poster. Mächtig stolz war ich, so bedeutende Politiker an der Wand zu haben. Doch als sich Waldheim immer mehr in seiner Affäre verstrickte, musste ich handeln: weg mit den UN-Postkarten! Leider landete so auch U Thant im Müll. Machte aber nichts, denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass sein Vorname Sithu lautete. Nicht ganz knapp.

bp
7
 
       
2

ford pinto.

pinto

In den siebziger Jahren hießen die Autos in unserer Siedlung, der Merkursiedlung "am Fuße des Pöstlingbergs", wie wir es in der Schule geografisch erklärten, M12, M15, Käfer, Admiral, Diplomat, Mini oder Imp. Nicht wirklich aufregend, aber immerhin aufregender als Pinto. Das war jener Ford der Compact-Klasse, dessen Tank leicht Feuer fing. Bei uns in der Siedlung fuhr ihn niemand, es war ja in den siebziger Jahren nicht einfach, einen US-Ford zu kriegen. Höchstens einen Mustang, aber dazu fehlte auch denen, die einen Opel Diplomat fuhren, das Geld.

Pinto! Wie konnte man einen Wagen so nennen? Das klang wie ein Schimpfwort für einen Herumtreiber in mexikanischen Favelas. Irgendwie lachhaft, obwohl der kleine Pinto eine echt große Stossstange vor sich hertrug. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass in Los Angeles oder selbst in New Jersey jemand zu einem Ford-Händler ging und ernsthaft einen Pinto orderte.

Ich kenne nur einen, der je einen Pinto besessen hat. Andreas wohnte Anfang der 90er für ein Jahr in Palms Springs, jenem kalifornischen Golf-Mekka, in dem Sonny Bono Bürgermeister war. Andreas Tante lebt dort und hat in den fünfziger Jahren für Cary Grant Schitzel gebacken und den Haushalt geführt. Ein Jahr in Palm Springs - das geht natürlich nicht ohne eigenes Auto. Also schaute er sich nach günstigen Gebrauchtwagen um, und sein Onkel riet ihm einem Pinto, den sie bei einem Händler sahen. Nicht schlecht, dachte sich Andreas. Chrom, Stosstangen, ein echtes amerikanisches Auto.

Als das Jahr in Palm Springs um war, war Andreas der einzige in der Highschool, der auf kein Date zurückblicken konnte.

  
       
3

george.

george

Wie haben sie wir damals verschlungen, die "Fünf Freunde"-Romane von Enid Blyton. Wir warteten schon gierig darauf, dass der Donauland-Vertreter mit seinem Puch-Moped DS 50 auf den Parkplatz knatterte, um aus seinem Rucksack die nächste "Fünf Freunde"-Lieferung vor uns auszubreiten. Ich glaube, mit der Zeit hatten wir ein ganzes Bücherregal voller Enid-Blyton-Bücher. Vier der fünf Freunde hatten Namen wie Schall und Rauch, nur einer blieb im Gedächtnis: George. George? So also hießen in England Mädchen, burschikose Mädchen, mit schwarzen Locken. Ich kannte kein Mädchen, das George hieß. Wahrscheinlich war es eher George als die Beatles oder die Stones, die für uns England zum schärfsten place on earth werden ließ.

  
       
4

ikeandtina turner.

ike and tina turner

Dass Radioansager immer so schnell ansagen müssen. Man versteht ja kein Wort nicht. Besonders, wenn man nicht genau weiß, von wem eigentlich die Rede ist. Ich jedenfalls habe lange geglaubt, Ike and Tina Turner wären ein und dieselbe Person. Ikeandtina Turner. So jedenfalls wurde auf Ö3, dem österreichischen Popsender, das Lied "Nutbush City Limits" angesagt: "Und jetzt Ikeandtina Turner und Nutbush City Limits." Komischer Vorname, dachte ich. Ich las ja kein Bravo, und den Beat Club, in dem sie möglicherweise auftraten, habe ich versäumt. Erst als im OP-Kino, dem Ohne-Pause-Kino in Linz, ein Konzertfilm mit Ike and Tina Turner gezeigt wurde, merkte ich: hey, das sind ja zwei Personen - Ike AND Tina Turner! War auch schwer zu übersehen. Ike hing mit stoischer Ruhe, fast apathisch, an seiner Stratocaster, und Tina unterhielt sich wie wild mit ihrem Mikrofon unterhielt. Vielleicht ist die Ehe der beiden ja deswegen in die Brüche gegangen, weil Tina endlich einmal ohne Ike genannt werden wollte.

  
       
5

sonny.

sonny

Bei Sonny and Cher war das anders. Da war mir von Anfang an klar, dass es sich um ein Duo handeln musste. Keine Bild-Ton-Schere im Kopf also. "Cher" klang schon komisch genug, etwa so, wie man oberösterreichisch für "Schere" sagt. Doch bei Sonny musste ein Missverständnis vorliegen: Ein sonniger Typ sollte das sein - mit dem Schnurbart über den verzogenen Mundwinkeln!

Dass Sonny Bono ein richtig patenter Kumpel war, erfuhr ich, als ich 1991 Gast des von ihm initiierten Filmfestivals in Palms Springs war. Kalifornien, Sonne im Jänner, Wüste - und eine Stadt, in die sich die Hollywood-Stars in der Rente zurückziehen. Im Hotel lag bereits eine Infomappe mit einer Postkarte: Sonny mit Tennisschläger unter dem dem Spruch "I Want You Babe!" Dass wir Festivalgäste dann alle von Sonny in seine Residenz eingeladen wurden, war schwerokay. Im kleinen Nebenhaus war ein Workout-Studio untergebracht (mit Glasfassade!), im Haupthaus durften wir in jedes Zimmer - auch in die Schlafzimmer, wo die TV-Geräte fast so groß wie die Betten waren. Aber wo war Sonny? Ich bin mit Peter Patzak, dem österreichischen Regisseur, hingegangen. Da zupft mich der auf einmal am Ärmel, deutet auf einen Schnurrbart in 1,55 Meter Höhe und fragt: "Wer ist denn diese Ratte?" Nun ja, es war Sonny. Live. Dass er seinen Namen zu Recht trug, merkte ich daran, dass er an jenem Abend nie zu grinsen aufgehört hat.

  
       
6

anker.

w anker

In Wien gibt es eine Bäckerei-Kette mit Namen "Anker". In den USA gibt es das Schimpfwort "Wanker". Die transatlantische Beziehung zwischen Brot und Wichsern kann sehr eng sein, besonders dann, wenn der Firmennamen auf dem Autokennzeichen prangt. Etwa so: W ANKER 1. Mir selbst ist das nie aufgefallen. Aber als Melissa, Memphis-Queen und Frau meines Buddies Lewo, zum ersten Mal in Wien-Schwechat landete, geschah das Unwahrscheinliche: Ein Bäckerei-Lieferwagen stand gleich vor der Tür der Ankunftshalle. Dann sah sie ein anderes auf der Flughafen-Autobahn, und dann noch eines in der Stadt herumkurven. Seitdem mir Lewo diese Geschichte erzählt hat, achte ich jedes Mal darauf, ob die Anker-Fahrer auch beide Hände am Lenkrad haben.

  
       
7

ethelred.

kinski

ÄÄTELRÄÄD. Wenn Klaus Kinski einen Namen wie Ethelred ausspricht, kann einem das durch Mark und Bein gehen. Besonders, wenn man ein kleiner Bub ist und sich nur eine Märchenschallplatte anhören wollte. Nun, Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" ist wirklich alles andere als ein Märchen. Und Kinski eher eine Hexe als ein Märchenonkel. Jedenfalls habe ich die Stelle, wo der Erzähler dem schon wirren Roderick Usher zur Beruhigung eine Geschichte vorliest, immer noch quälend im Ohr. ÄÄTELRÄÄD. Dazu noch das Krachen und Quietschen einer Eisentür, durch die sich Lady Madeline kämpft. Nicht, dass ich deswegen an einem Trauma leide. Aber erst jüngst hat Ethelred wieder gespukt. Als ich beim Frühjahrsputz wieder im "Untergang des Hauses Usher" blätterte, kam ich drauf, dass es sich bei Ethelred nicht um eine Frau, sondern um einen Mann handelte. Das änderte alles. ÄÄTELRÄÄD.