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100 7 Filme von arne boecker 150
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1000 Milliarden Dollar

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Wenn ich mich irgendwie pseudonymisch fühle und nicht so heißen will, wie ich heiße, heiße ich Paul Kerjean. (Der Vorname "Paul" scheint irgendwie wichtig zu sein für mich - siehe weiter unten.)

Paul Kerjean ist die Hauptperson in dem kleinen französischen Journalistenthriller namens "Tausend Milliarden Dollar". Ich liiiiiiebe Journalistenthriller; man fühlt sich beim Gucken so bedeutend. "TMD" kommt ab und zu um 23.50 Uhr in den dritten Programmen, ist aber in Frankreich ein Kinofilm gewesen. Nein, kein berühmter Regisseur, nein, den Journalisten gibt nicht Jean-Paul Belmondo und sein Liebchen nicht Sophie Marceau.

Ein Journalist kommt Schiebereien rund um einen Nazischatz auf die Spur und gerät schnell in den Strudel, in den wir Journalisten bekanntlich tagtäglich geraten: Sollen wir für eine Geschichte unser Leben riskieren? Und natürlich muß unser Mann zum Schluß in ein Bergdorf fliehen und - den heißen Atem der Häscher im Nacken - in eine Mechanische die Geschichte hineinhacken, die sein greiser Vater dann in der Dorfzeitung publiziert. (Niemand sonst hätte
sich getraut.)

Ein Geständnis: Ich kucke auch den Watergate-Film beim 1006. Mal noch mit heißem Herzen. Vor allem die Stelle, wo Dustin Hoffmann der Seele der einen Wahlkampfhelferin unter Einsatz eines waffenscheinpflichtigen Dackelblicks DAS GEHEIMNIS entreißt und dabei vor lauter Nervosität acht Liter Kaffee trinkt. An dem Tag, an dem ich das zum ersten Mal gesehen habe, habe ich das Kaffeetrinken angefangen. Hilft aber nix: Weit & breit kein "Deep Throat" in Sicht hier in Obernkirchen. ("Best Of Journalistenfilme" wär´ mal´ ne schöne Rubrik...)

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Picknick am Valentinstag

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Die Nennung dieses Films wird in gewissen, mir mißgünstig gesonnenen Kreisen, mutwillig mißverstanden werden. Ich weiß das, nenne ihn aber trotzdem, denn: "Iiiiiiich biiiiiin staaaaark!" (Gitte).

"Pick am Val" ist nämlich ein ganz ein kleines bißchen bilitisig. Ein Mädcheninternat in Australien, weiße Kleider, ausladende Hüte, Poesiealbumgekicher und all das Zeugs. Das ist aber nicht wichtig - ich schwöre! (Die jüngste Frau, für die ich in den letzten zehn Jahren geschwärmt habe, war achtundzwanzigdreiviertel.)

Bei einem Ausflug am Ayer`s Rock verschwinden einige der Mädchen. Keiner weiß, warum. Keiner weiß, wohin. Einige bleiben auf ewig verschwunden, einige kommen wieder, sind aber verstört wie sonst nur noch Frank-Michael Wachsmuth, wenn er am Tag des Redaktionsschlusses bemerkt, daß er vier Seiten einzuplanen vergessen hat. Hat natürlich viel mit Very Secret Gardens und Erwachsenwerden zu tun, aber: Nenn irgendeine verborgene Bedeutung, und sie paßt. Die unheilschwangere Atmosphäre rund um diesen schrundigen, kahlen Felsen mitten im rotglühenden Australien (au weia! und Freud, hilf!, ich reite mich immer tiefer rein...) hat der Regisseur (Peter Weir) erstklassig hingekriegt. I Says: Gänsehautgarantie.

Noch ein Anmerkungchen zu "bilitisig". Beck sagt in den Interviews zu seiner extrem tollen CD "Midnite Vultures" extrem viel extrem kluges Zeugs darüber, daß Dschurnalisten immer irgendwelche Vergleiche anstellen müssen, um Kunst einzutüten. So funktioniert natürlich auch "bilitisig". Auf die Spitze treibt die Sache der "Prinz": In einem eigenen Bewertungskästchen geben die an, für die Fans von welcher Musik die besprochene CD interessant sein könnte. Beispiel: Nigel Kennedy wird besprochen, und den werden laut "Prinz" die Fans von "Bach" und "Anne-Sophie Mutter" lieben; in dieser Reihe fehlen dann wohl nur noch "Wolfgang Schäuble" und "Lothar Matthäus".

  
       
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Das Schlangenei

schlangenei

Ingmar Bergman. Schlicht: der beste Film über die Nazizeit, nein, genauer: über die Zeit vor der Nazizeit. David Carradine, den Hauptdarsteller, hatte ich bis dahin überhaupt nicht auf dem Schirm; Heinz Bennent als Menschenversucher im weißen Kittel, von dem man nächtelang schlecht träumt. Ich habe den Film lange nicht gesehen. Damals schien er mir (zusammen mit diesem Dustin-Hoffman-Film, in dem er von einem Nazizahnnarzt gefoltert wird) das Maximum an Brutalität zu zeigen. In einer Szene erbricht David Carradine Blut und Zähne. Wäre interessant zu sehen, ob das heute auch noch so wirkt. ("Bei dem Weg", wie der Engländer sagt: Ist da draußen eigentlich irgendwer, der sich mit mir über "Pulp Fiction" streiten möchte? Ich scheine der einzige zu sein, dem das Teil lächerlich dünkt. Na Meike, Du findest doch bestimmt die versehentliche Erschießung im Auto todlustig und den Thurmantravoltatanz erotisch (aaaaaarrrrggghhh!) - oder wer immer die zu 100% talentfreie Ische mit dem Pagenkopf war, die im dem Schrott mitge"spielt" hat.)

Wenn das Schlangenei noch verschlossen ist, kann man durch die dünne Schale schon erkennen, was daraus schlüpfen wird.

  
       
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Step Across The Border

step across the border

Der beste Konzertfilm heißt "Stop Making Sense" und ist von den Talking Heads, aber dies ist der beste Musikfilm ever.

Es handelt sich um eine Art Roadmovie, das Fred Frith zeigt, der irgendsowas ähnliches ist wie ein Jazz- oder auch Weltmusikmusiker - hier muß wirklich jedes Etikett versagen. Frith macht mit verschiedenen Leuten Musik - oft auf der Straße - oder redet mit Leuten über Musik. Oder gibt "Konzerte", in verschiedenen Ländern, in Küchen und Konzerthallen.

Das Besondere an diesem Film ist, daß er etwas schafft, was ich gern mal in einem meiner Texte hinkriegen würde: Der Stil ist die Botschaft. Die Art, wie sich der Film fügt, sagt schon alles darüber aus, was die Filmer "sagen" wollen. So wie Worte onomatopoetisch sein können, ist dies ein onomatopoetischer Film. Und er ist pickepackeliebevoll, und anerkennt Musik als das, was sie ist: eine seeeeeehr ernst(zunehmend)e Sache.

Meine Lieblingsszene zeigt Fred Frith, wie er am Tisch verschiedene Gewürze und andere Zutaten (Erbsen, Reis etc. pp) auf einer Art Zither hüpfen läßt, die er spielt, indem er die Klingklangeffekte der Spezereien verwendet. (Ich sehe schon: Das wird nix, weil: "Worte springen wie Affen von Baum zu Baum/aber in dem dunklen Bereich/in dem wir wurzeln/entbehren wir ihrer freundlichen Vermittlung." Long Talk´s Short Meaning: VHS mit "Step..." auf Anfrage.)

  
       
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Der alte Mann und sein Universum

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Schrifttafel: Stockholm. Erste Einstellung: Straßenverkehr, von einer Brücke herab gefilmt. Fließende Lichter. Hupkrach.

Schrifttafel: 500 Kilometer nördlich von Stockholm. Zweite Einstellung. Die Gummstiefel eines Mannes, der Feuer im Herd macht. Die Stiefel biegen sich und knautschen leise knarrend.

Der Film benötigt dann weitere fünf Minuten, um zu zeigen, wie sich der Mann die altersfleckigen Hände wäscht, mit Wasser, das er vom Brunnen draußen geholt hat.

Der Mann lebt allein in einem Holzhaus in der schwedischen Wildnis. Der Film erzählt seinen Alltag. Still, ruhig. "Still" und "ruhig" nicht im Sinne von hamburgerstadtparkstill und außenalsterruhig, sondern im Sinn von mittelschwedenstillruhig. Unter anderem hält die Kamera eine volle Minute in ein schneebedecktes Astgeflecht, das der Wind bewegt. Dann: Zoom auf einen Ausschnitt davon. Dann: eine volle Minute schneebedecktes Astgeflecht, das der Wind bewegt. Dann: Zoom auf einen Ausschnitt davon. Dann: eine volle Minute schneebedecktes Astgeflecht, das der Wind bewegt.

Nach etwa 50 Minuten dieses Anderthalbstundenfilms gibt es eine Szene, die es an Schockwirkung mit der aus "Sieben" aufnimmt, in der der waschbrettdoofe Brettpidd das Paket mit dem abgeschnittenen Kopf seiner Frau auspackt.

Das Telefon klingelt.

  
       
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Heimat / "Fernweh"

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Ich kucke jede der Edgar-Reitz-"Heimat"-Folgen, die irgendwo wiederholt wird. In München gab es mal alle Folgen der ersten Staffel am Stück. Ich bin wirklich kein Cineast oder überhaupt Bildermensch, aber: In "Heimat" stecken dermaßen viele IDEEN - sensationell.

Meine Lieblingsepisode: Paul und Maria haben sich in jungen Jahren mit großer Zwangsläufigkeit gefunden, was sie nicht nur im hunsrückischen Schabbach zum Traumpaar gemacht hätte. Glück strömt aus allen Knopflöchern, aber nicht kuhäugig (wer errät, wem ich dies Wort entwendet habe, gewinnt einen von den Marillenknödeln, die mir der Praschlpeter bereiten will), sondern: irgendwie kristallklar. Maria wird schwanger.

Dann stellt Paul eines Tages eine Marderfalle auf und schlendert aus dem Dorf hinaus. Grüßt noch einen Landmann. Verschwindet, ohne eine Wort. In der Schlußeinstellung dieser Folge tröpfelt Regen auf die gespannte Marderfalle.

Erst viele Folgen und Jahrzehnte später wird er zurückkehren, als amerikanischer Industrieller in Hut und Mantel.

  
       
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Jane bleibt Jane

jane bleibt jane

Der Regisseur ist dieser Kölner Schwulenheros, Walter Bockmayer, die Hauptdarstellerin heißt Johanna König und ist die "Clementine" aus der Waschmittelwerbung, und die Handlung geht so:

Sie lebt in einem Altersheim und hält sich für die Frau von Tarzan.

Nein, schon falsch. Nochmal von vorn.

Sie lebt in einem Altersheim und IST die Frau von Tarzan. Zeigt ihren MitinsassInnen, die nichts weniger sind als verständnisInnig (auch wenn´s kein einer kapiert: Das große "I" im letzten Drittel von "verständnisInnig" ist mir wichtig), ein Fotoalbum mit Screenshots, auf denen sie neben ihrem lederbeschurzten Dschungelmann steht, während der Affe ihre Beine umspielt. Weil sie sich eine Boa Constrictor kaufen will, geht sie in eine Tierhandlung und läßt sich zeigen, wie die Schlange mit einer Ratte gefüttert wird. Die drei Minuten dieser Szene gehören zum dramatischsten, was je weggefilmt wurde. (Ja, NOCH dramatischer als das schwedische Telefonklingeln!)

Vor hunderten von Jahren gab es im WDR-Radio eine mon- bis samstägliche "Jugend"-Sendung namens "Radiothek", in der once a week die "Schlagerrallye" lief. Die Schlange verschlingt die Ratte zu der echt nervenzerfetzenden Erkennungsmusik der "Schlagerrallye" (falls das irgendwem weiterhilft).

Zum Schluß besteigt die Seniorin im gräulichen (hey!, ein Wortwitz, der der neuen Rechtschreibung geschuldet wäre, wenn ich sie denn beherzigte!) Altfrauenkostüm das Flugzeug nach Kenia, um bei Tarzan zu leben. Nach wenigen Minuten geht sie auf die Flugzeugtoilette und kehrt im Leopardenfellkleid zu ihrem Platz zurück. Kuckt aussem Fenster und freut sich.

Die "meiste Musik" (Werbespruch von Radio ffn) in diesem Film stammt von Michael Rother, der auch die Musik für einen weiteren genialen Bockmayer-Film gemacht hat, dessen Titel ich nicht mehr weiß, der aber so geht: Barbara Valentin steigt in Niederbayern in eine Litfaßsäule und kommt in New York wieder raus, wo sie u.a. ein Oktoberfest durchlebt, im Dirndl im Stehen gefickt wird und mit einer Kuh über den Broadway traumtänzelt.