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100 7 Bücher von arne boecker 150
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Ein herzliches Vivat! all den Büchern, die ich hier nicht erwähnen darf, weil es einem Mann, dessen Vor- und Nachname mit demselben Buchstaben beginnen, gefallen hat, das Terrorregime der 7IEBEN zu errichten. (Zwar sagt auch Andre Gide, daß er an die kleine Zahl glaubt, ich aber glaube weder an Andre Gide noch an Peter Praschl.) Also: Auch die Unerwähnten sind unvergessen.

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joseph conrad. das herz der finsternis.

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Der Inhalt: Ein Mann soll im Auftrag einer Handelsgesellschaft den Kongo bereisen, um den geschäftlich und moralisch irgendwie außer Rand und Band geratenen früheren Agenten der Compagnie wieder auf den Pfad dessen zurückzuführen, was man gemein- und leichthin "Vernunft" nennt.

Das Warum: Solche Bücher darf man eigentlich einem Skorpion nicht geben, ohne ihm gleichzeitig einen Psychiater anzuvertrauen. (Dasselbe gilt für Sartres "Die Wörter", wo Russisches Roulette auf eine Art und Weise beschrieben und begründet wird, daß man aus dem Haus laufen und einen Waffenschein Ýbeantragen möchte.) Das dunkle, feuchte, unbe- und -erkannte Grauen, das sich im Busch versteckt? Hilfe, Frau Dr. Winnemuth, übernehmen Sie!

Die Lieblingsfigur: ...überraschenderweise dann doch nicht Kurtz. Der hat sich entschieden, während Marlow schwankt und zagt und bebt.

Der Satz, der alles erklärt: Seltsam, das Gefühl, das mich da befiel: daß solche Einzelheiten unerträglicher als die Köpfe sein könnten, die auf den Stecken vor den Fenstern von Herrn Kurtz vor sich hin trockneten.

Das Detail: Die Umschlagzeichnung vom sowieso schon GANZGANZGROSSEN MIchael Sowa: Ein rundliches Bötchen schippert, lustig vor sich hin dampfend, den Fluß runter, am Ufer dräut der Urwald. Idyllisches Grauen, grauenhafte Idylle.

Der Erstleseort: Das verfallene Hafenstädtchen Mokka im Jemen, das dreitausendmal interessanter klingt, als es tatsächlich ist. Ich bin von da mit einem echten Seelenverkäufer, von dessen seelenverkaufender Bestimmung ich nichts ahnte, nach Djibouti rüber, meinem einzigen afrikanischen Ort im Reisejahr 97. Im nächsten Reisejahr bleibe ich komplett in Schwarzafrika und schippere den Kongo rauf und runter - falls man nicht um allzuviele Leichen rumpaddeln muß. Na los, Leute, vertragt euch wieder: In drei, vier Jahren habe ich das Geld zusammen.

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raymond carver. wovon wir reden, wenn wir von liebe reden.

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Der Inhalt: Fünfzehn Erzählungen rund um das schöneböse "L"-Wort

Das Warum: Da überlegt man nächtelang hin und sinniert längelang her, wie man Originalität!, Kraft! und Sinn! in seine Sprache hineinzwingt, gründet eine "Gesellschaft zur Rettung des Semikolons" und kommt sich seeeehr klug vor dabei - und dann kommt ein Amerikaner daher und beweist: Subjekt, Prädikat und Objekt - aufs eigentlich schlichteste zusammengefügt - reichen völlig aus.

Die Lieblingsfigur: Mel (aus der titelgebenden Geschichte)

Der Satz, der alles erklärt: Ein Mann ohne Hände kam an die Eingangstür, um mir ein Foto von meinem Haus zu verkaufen. Er war um die fünfzig und sah bis auf die Chromhaken ganz normal aus.

Das Detail: Wie beiläufig und doch wichtig Autos in diesen Geschichten sind

Der Erstleseort: Okay, dies ist einer der raren Fälle, in denen ein Film zum Buch (besser: ...zum Autor) geführt hat: "Short Cuts" natürlich, der in vielerlei Hinsicht beste Film aller Zeiten (siehe auch: 7 Platten). Der Erstleseort war also ganz normal mein Zimmer - aber sofort am Tag nach "Short Cuts".

  
       
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prentice mulford. unfug des lebens und des sterbens.

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Der Inhalt: Unfaßbar witzige und weitschweifige Essays über DIE LETZTEN DINGE. Wer geistig groß genug ist, um das Undenkbare zu denken, wird mit Ewigem Leben belohnt - aber auf Erden!

Das Warum: Den Tod überwinden durch Konzentration: auf diesen Ansatzpunkt für ein Buch muß man erstmal kommen.

Die Lieblingsfigur: Der Autor. Lebte angeblich von 1843-1891, seine Traktate erschienen ursprünglich unter dem Titel "Your Forces And How To Use Them".

Der Satz, der alles erklärt: Diese Eiche ist gerade, luftig gebaut, symmetrisch, jetzt auf der Höhe ihrer Kraft, ein Tempel, nicht von irdischen Händen erbaut, wunderbarer konstruiert als alle Paläste, und in der Wertung meines Nebenmenschen gut für Brennholz oder Eisenbahnschwellen.

Das Detail: Eine Kapitelüberschrift: Wie wir einander mesmerisieren

Der Erstleseort: Darß im Winter - und da gehört dies Buch auch hin.

  
       
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kenneth t. jackson (hrsg.). the encyclopedia of new york city.

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Der Inhalt: Alles über New York City. Von "Abbott, Berenice" (Fotografin) bis "Zoroastrians" (religiöse Splittergruppe aus dem Iran, in den 20er Jahren eingewandert).

Das Warum: Kein weiterer Guide, sondern: belesen, akribisch, historisch, politisch & als Buch stabenschwanger im neunten Monat. Verantwortlich ist die New York Historical Society.

Die Lieblingsfigur: LeBoeuf, Lamb, Green & Macrae: In den 20er Jahren gegründete Anwaltskanzlei, die sich ursprünglich im Bereich "Wasser, Energie" tummelte. Heute 240 Rechtsanwälte, Büros in 125 West 55th Street (Manhattan). Lieblingsfigur? Wegen des Namens: SO müssen Kanzleien heißen. Nebennennung I in dieser Rubrik: Ein Foto, das Martin Scorsese und Robert De Niro zeigt, wie sie während der Dreharbeiten zu "Taxi Driver" mitten auf der Straße wild diskutieren; aus der "Collection of the American Museum of the Moving Image". Nebennennung II in dieser Rubrik: Ein 1-Dollar-65-Ticket vom ersten Spiel der Brooklyn Dodgers in Ebbets Field, 1941, Seat 11, Row 4, Section 9, Upper Stand: Darüber ein sehr gorilliger Fänger-in-der-Hocke.

Der Satz, der alles erklärt: "Mafia. The activities of the Mafia are discussed in the entry Organized Crime."

Das Detail: Eine beige Grundierung, umgeben von einem braunen Rahmen, dessen Ecken vier dunkelrote Quadrate markieren. Mittendrin in großen Schreibschriftbuchstaben der Titel, aus dem "O" strahlt die Freiheitsstatue, das "Of" ist in das "N" hineinpraktiziert. Buchumschläge - das können sie, die Amerikaner. (Betonung bitte auf "das".)

Der Erstleseort: Am Bryant-Park gekauft, im Bryant-Park die Siegel erbrochen, erster gelesener Eintrag: "Bryant-Park".

  
       
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harald hartung (hrsg.). luftfracht.

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Der Inhalt: Internationale Poesie, 1940-1990.

Das Warum: Wenn es überhaupt ein Buch gibt, das geeignet ist, den schönen, alten Begriff "Schmökern" mit Leben zu erfüllen, dann dies.

Die Lieblingsfigur: Hone Tuwhare, Maori aus Neuseeland, eigentlich Kesselschmied in Diensten der New Zealand Railways (Dunedin).

Der Satz, der alles erklärt: Die Weltwirkungen verteilen sich/mit trägen grünen Ziegeln/die über die Straße fliegen (Jim Jarmusch: Die biegsamen Mädchen von Tokio).

Das Detail: Die im Nachtschnellzug eingeschlossene Fliege, aus: Das Gedicht vom Revisionismus (Lars Gustafsson).

Der Erstleseort: Immer & überall - sogar während 60 Liter Bleifreibenzin in den Tank meines blaublitzenden Straßenkreuzers strömen.

  
       
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ulf miehe. puma.

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Der Inhalt: "Nach Jahren im französischen Gefängnis kommt der elsäßische Gangster, den alle Puma nennen, frei" (Klappentext).

Das Warum: Ulf Miehe ist eine echte Entdeckung - obwohl er seit mehr als zehn Jahren tot ist. Ein wild mäanderndens Leben mit allerlei skurrilen Namen am Wegesrand: Geboren 1940 in Wusterhausen an der Dosse, hat er 1962 zusammen mit Gertrud Höhler (!) seinen ersten Gedichtband veröffentlicht. 1972 trat er in der WDR-Satiresendung "Express" mit der Gesangsgruppe "Superheroes" auf, zu der u.a. Marius Müller-Westernhagen (!!) gehörte. 1976 kommt der "Puma" raus (Wiederveröffentlichung in der Reihe "Dumont Noir"). 1982 nehmen Esther Ofarim (!!!) und Eberhard Schoener (!!!!) eine LP mit Namen "Complicated Ladies", auf der sich die Miehe-Songtexte "Radio on", "Einmal nur" und "Vergessenes Lachen" finden. Ulf Miehe hat bei dem bundesfilmpreisbekränzten "John Glückstadt" Regie geführt.

Die Lieblingsfigur: Häftling CZ 8731 in Fresnes - der Puma natürlich! Der Puma heißt eigentlich Franz Morgenroth und hat so sehr einen Plan wie nur wenige.

Der Satz, der alles erklärt: Als sie es an der Zeit fand, suchte sie sich einen Mann, der ihr kompetent genug und körperlich angenehm erschien.

Das Detail: Die faksimilierte Absage von Lino Ventura auf Miehes Bitte, in der "Puma"-Verfilmung den Puma zu geben.

Der Erstleseort: Das schwersthippe Cafe Moca in Hannover, wo ich mich lesend zweieinhalb Stunden an einem Steamer mit Vanillearoma festgeklammert habe.

  
       
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fritz zorn. mars.

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Der Inhalt: "Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie aus dem vorher Gesagten selbstverständlich hervorgeht."

Das Warum: Die Indizienkette ist so lückenlos wie sonst nur bei "Columbo".

Die Lieblingsfigur: Ismail Ivo. Aber Ismail Ivo ist doch Tänzer?! Ja, stimmt: In dem Theaterstück nach "Mars", das vor Jahren am Hamburger Schauspielhaus lief, hat er den Tod gegeben.

Der Satz, der alles erklärt: Ich trank nur Kaffee und plauderte.

Das Detail: Der Verfasser mit dem Pseudonym "Fritz Zorn" starb 1976 kurz nach der Zusage, daß das Manuskript veröffentlich wird.

Der Erstleseort: Ratsgymnasium Stadthagen, Leistungskurs Deutsch (und Schulcafeteria).