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faking it
la beaute de la sexe

Neulich, beim Redigieren eines faktenreichen Artikels über die epidemische Verbreitung der plastischen Chirurgie in den USA, stieß ich auf die Formulierung "vaginal rejuvenation". Vaginalverjüngung. So stand es da, zwischen distanzierende Anführungszeichen gepackt, aber als eingeführter Terminus kenntlich. Eine Google-Anfrage ergibt 248 Fundstellen, und ihnen nachspürend, wird einem schnell klar, dass da etwas im Gange ist. Kliniken bieten auf ihren Websites neben Facelifts und Brustvergrößerungen auch Vaginalverjüngungen an, in ihrem Selbstwertgefühl verunsicherte Frauen stellen in Foren Fragen, an der einen oder anderen Stelle tauchen erste, entweder amüsierte oder fundamentalkritische Artikel auf [Plastic Surgery Moves South, Stefanie Ramp, Westchester Co. Weekly | Designer Vaginas, Debra Ollivier, Salon | Pushing the Perfect Pussy, Jen Loy, Fabula Magazine]. Und natürlich kann man sich auch mit Vorher-Nachher-Fotos oder ganz sachlich darüber informieren, was "vaginal rejuvenation" denn nun ist - eine Prozedur zur Straffung oder Verkleinerung von Schamlippen; als überflüssig empfundenes Gewebe wird wegschnitten (ohne die Sensationen zu beeinträchtigen, wie man der Klientel versichert), Fältchen werden mit Eigenfett weggespritzt (jeder, der sich schon mal über Eigenfett-Injektionen informiert hat, weiß, dass man die Prozedur regelmäßig wiederholen muss...), ungleich große Labien werden einander symetrisch gemacht, durch Geburten gedehntes Gewebe wird gestrafft. Der Eingriff dauert eineinhalb, zwei Stunden, es bleiben keine Narben zurück, man fühlt sich "wieder jung", sagen die Operateure, und sie spekulieren damit, dass der Satz in jenen, die ihn vernehmen, ergänzt wird zu einem "wieder so jung wie mit siebzehn, zwanzig, wie als junges Mädchen, das ich einmal gewesen bin, ehe ich eine alte Frau mit einer alten Vagina geworden bin". Wenn diese Spekulation aufgeht, machen sie gute Geschäfte: eine "vaginal rejuvenation" kostet um die 15.000 Dollar.

Man könnte darüber amüsiert sein, mit den Achseln zucken, über "die Amerikaner" ächzen, man hat für solche Meldungen ja ein ganzes Repertoire der Verdrängungen parat.

Weil ich Journalist bin und noch dazu einer, der in einer Frauenzeitschrift arbeitet, schwant mir, dass die Vaginalverjüngung über kurz oder lang, in zwei, fünf, allerhöchstens zehn Jahren auch hierzulande ein Thema sein wird. Zuerst werden in den übleren Fernsehmagazinen - die sich "Die Redaktion" oder "Die Reporter" oder so ähnlich nennen und unerschrockene Blicke auf authentische Wirklichkeit versprechen - die ersten Fünfminutenfilmchen auftauchen, in denen belustigt-erschauert über Vaginalverjüngung berichtet wird: Frauen, denen man ansieht, dass sie sich selbst ein Problem sind, geben Auskunft darüber, wie verjüngt sie sich fühlen, Ärzte in weißen Kitteln versichern, dass die Prozedur risikoarm ist und schon vielen geholfen hat, und einer dieser Instant-Psychologen, die in diesen Sendungen immer auftauchen (ich könnte Namen nennen, aber wir hatten schon Mal juristischen Streß deswegen) wird Flachsinn über das postmoderne Body-Forming von sich geben. So geht ein "Thema" immer los. Irgendwann werden die "seriösen" Magazine nachziehen, in Frageform. Das Wort "Trend" wird fallen, und die seriösen Magazine werden sich und ihr Publikum fragen, was dieser Trend, den sie selbst gebührend verabscheuen, zu bedeuten hat und wie er einzusortieren ist; die Vaginalverjüngung wird ein Anlass sein, über Tabubrüche und letzte Grenzen zu sinnieren. In den Frauenzeitschriften werden die ersten Kleinanzeigen auftauchen, in denen Kliniken für ästhetische Chirurgie ihre Dienste offerieren, zuerst wird die Prozedur "Labioplastik" heißen und erst nach geraumer Zeit "Vaginalverjüngung". Und dann wird irgendeine Frauenzeitschrift einen frechen Anfang machen und eine freche "Na und?"-Geschichte schreiben: "na und, wenn ich mich wohler fühle", "na und, was ist schon dabei", "na und, die Männer machen doch auch", "na und, sollen die anderen doch denken, was sie wollen",. Und ein paar von diesen Na-und-Frauen werden durch die Talkshows gejagt, und der Talkshowmoderator wird "Sie haben sich also Ihre Vagina verjüngen lassen?" fragen, und der Talkshowgast sagt: "Ja, und ich fühle mich großartig".

So oder so ungefähr wird auch diesmal die Themen-Maschine ein neues Thema produzieren, und wie stets wird sie gut geölt und prächtig geschmiert sein, ein Zahnrad greift ins andere, und dazu gehört auch, dass am Ende der Themen-Produktion jene als verstockte Nörgler gelten werden, die sich vor einer Welt fürchten, in der es Vaginalverjüngungen gibt.

Und noch eine zweite Maschine gibt es, die mit der Themen-Maschine synchron läuft: die Maschine zur Erzeugung von weiblicher Angst, und auch sie ist schon prächtig geschmiert und muss bloß noch angeworfen werden. Noch, nehme ich an, gibt es hierzulande nicht allzuviele Frauen, die beim Wort Vaginalverjüngung nicht "Vollidioten!" denken oder "Was wollt ihr denn noch alles von uns?" oder so etwas Ähnliches - so wie vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren kaum eine Frau ohne Kopfschütteln, Abscheu, Verwunderung auf die Idee reagiert hat, Lippen aufzuspritzen, Brüste zu vergrößern, Reiterhosen abzusaugen. Aber in zwei, fünf, zehn Jahren wird es losgehen, dass Frauen im Spiegel ihre Vaginen betrachten und zu zweifeln beginnen - noch jung genug, noch eng genug, noch straff genug? -, und dieser Zweifel wird zu einem Begleiter werden, einem Grundbass gleichsam, der vor sich hinbrummt, und schon haben wir eine neue Angst, eine neue Gefangenschaft. Und die Welt wird so bleiben, wie sie immer war - nur noch ein wenig perfider.

Bis dahin werde ich so tun, als wäre ich tatsächlich naiv, und ein paar naive Fragen stellen: Was soll an großen Labien störend sein? Was soll an ungleichen Labien störend sein? Was soll an einer Vagina störend sein, die 30, 35, 40, 50 Jahre alt ist? Wie kann eine Frau darauf kommen, dass ihre Vagina dringend Verjüngung benötigt? Wo vergleicht sie ihre Vagina mit anderen Vaginen? Was ist mit einer Frau geschehen, die sich selbst sagt, sie müsste ihre Vagina "machen lassen" (so wie man sagt, dass man sich "das Gesicht machen lässt")? Was sagt sie zum Arzt? Wie muss ein Arzt sein, der dieser Frau zuhört - anstatt sie wieder nach Hause zu schicken? Gibt es Männer, die zu ihren Frauen, Geliebten, Liebhaberinnen sagen: deine Vagina ist mir zu alt, zu weit, zu faltig? Gibt es Frauen, die Männern, die so etwas sagen, zuhören - anstatt sie zum Teufel zu jagen? Gibt es Frauen, die sich Pornos angucken, um herauszufinden, wie "junge", "schöne" Vaginen aussehen? Gibt es Standards für die Schönheit von Vaginen? Und welche moralische Legitimation, Klitorisbeschneidungen und Infibulationen zu verurteilen, hat eine Kultur, in der "vaginal rejuvenation" eine zugelassene chirurgische Praxis ist? Weil es ja nicht um die Klitoris geht? Welche Sorte Lust kann jemand empfinden, der sich einbildet, sich aus "ästhetischen" Gründen die Schamlippen kürzen zu lassen?

Und warum eigentlich gibt es keine biologische Waffe, die die Maschinisten der Angst tötet? Es wäre bloß Notwehr.



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