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"Jahrzehnte lang verkündeten Wissenschaftler, der Orgasmus der Frau sei vor allem eine Sache der Psyche.
Jetzt entdecken Forscher die Macht von Nerven, Muskeln und Hormonen ­ und machen damit Millionen Frauen Hoffnung auf ein erfüllteres Sexualleben."

Steht da so.

Stern, Titelgeschichte.

Mehr Spaß am Sex.
Neue Erkenntnisse über den Orgasmus und die Lust der Frauen.

Die neuen Erkenntnisse lauten: Baby, dass du keine Lust hat, liegt an deinem Körper. Zu wenig Blut in deiner Vagina, in deiner Klit. Zu wenig Hormone in deiner Blutbahn. Zu wenig Muckis in deinem Becken. Baby, geh zum Arzt, lass dich durchchecken, geh in die Spezialklinik an der Uni von Los Angeles, lass deine pH-Werte untersuchen, lass deine Erregungsstärke nach der Selbstbefriedigung mit einem Vibrator untersuchen. Baby, schluck Hormone, schluck Pillen, leg dir untenrum mehr Muskeln zu.

So ungefähr.

Man liest es und macht sich so seine Gedanken.

Ich jedenfalls.

Sexgeschichten in Illustrierten, soviel weiß ich als Illustriertenschreiber, dienen erstens der Auflage, obwohl es die es doch gar nicht nötig hat; sind zweitens ein Vorwand, Fotos völlig bekleideter übergewichtiger Männer beim Schachspielen aufs Cover und ins Heft zu tun; drittens sind sie Ideologie, Propaganda, Handlungsanweisung, Denkanweisung, Haltungsanweisung, Gefühlsmodellierung, etwas in der Art.

Sexgeschichten in Illustrierten, soviel weiß ich als Illustriertenschreiber, werden viertens gelesen, gefühlt, empfunden, besprochen und bedacht. Man bekommt Leserbriefe darauf, und die Leserbriefe lesend ahnt man, dass Sexgeschichten jenseits der Illustrierten nicht immer so einfach sind, wie man als Sexgeschichtenschreiber im Dritten Jahrtausend glaubt.

Sexgeschichten in Illustrierten sind zwar nicht so wichtig (darum denkt auch niemand öffentlich über sie nach, weil es allen peinlich ist, über Sexgeschichten öffentlich nachzudenken, obwohl sie alle lesen, meistens beim Friseur oder beim Zahnarzt). Aber sie sind viel wichtiger, als man denkt: Für die, die sie lesen, für die Einzelnen, Vereinzelten, für die Illustriertenleser eben, zu denen man selbst gehört, die man, wenn man wie ich auch ein Illustriertenschreiber ist, nie wirklich kennenlernt, manchmal ein Leserbrief, manchmal ein Gespräch mit jemandem, den man kennt, mehr ist da nicht.

Und wie immer, wenn ich eine Illustriertensexgeschichte gelesen habe, mache ich mir meine Gedanken.

Ich kenne die Autorin, die das geschrieben hat. Sie ist eine gute Journalistin, professionell wie moralisch, jedenfalls, wenn sie so geblieben ist, wie ich sie in Erinnerung habe. Es ist alles richtig, was da drin steht, jedes Faktum ist belegt, ich kenne auch die Stern-Dokumentation, harte Hunde, an denen man so leicht nicht vorbeikommt. Und es ist gar nicht unwichtig, was da drin steht: dass es eben auch einen Körper gibt, der seine eigenen Gesetze hat, dass eine Klitoris größer ist als der durchschnittliche sexuelle Halbidiot sich das einbildet, und dass Lust etwas mit Hormonen und Muskeln und Durchblutung und wahrscheinlich auch mit pH-Werten zu tun hat - und sicher nicht nur mit Seele und Beziehungsqualität und Alltagsorganisation und Gefühlen und Autobiografien und Nichteingespanntsein und Machtverteilungen und weiß Gott womit Lust noch zu tun hat.

Alles richtig, alles wichtig. Auch wenn es der Auflage dient, dient es der Aufklärung, und Aufklärung ist etwas, gegen das man nichts einwenden kann, nicht wirklich.

Aber dann stelle ich mir vor, WIE die LeserInnen das lesen und WAS sie darin lesen, und dann mache ich mir meine Gedanken.

Da steht:
Die Sex-Expertinnen verkünden Millionen Frauen frohe Botschaft: "Es ist ein Mythos, dass die weibliche Sexualität vor allem eine emotionale Angelegenheit ist. Jede Frau kann einen Orgasmus haben, wenn sie einen haben will."

Und eine Stimme in mir beginnt zu reden, die Stimme eines Mannes, der gerade die Stern-Titelgeschichte gelesen hat, und diese Stimme sagt, ein wenig triumphierend, ein wenig erleichtert und sehr erschöpft zu seiner Frau:
Na siehst du. Musst nur wollen. Hab ich dir doch immer gesagt, dass es dran liegt, dass du nicht willst.

Da steht:
"Wir glauben, dass die meisten sexuellen Probleme auch eine medizinische Ursache haben. Und die kann man behandeln."

Und eine Stimme in mir beginnt zu reden, immer noch die des Mannes, und sie sagt:
Mach mal einen Termin.

Und eine andere Stimme in mir beginnt zu reden, es ist die Stimme der Frau des Mannes, man kann sie kaum hören, und diese Stimme sagt:
Ich brauche keinen Termin. Nicht bei einem Mediziner. Ich bräuchte höchstens einen Termin beim Scheidungsanwalt. Aber das hat keinen Sinn. Wenn wir uns scheiden lassen, haben wir beide kein Geld mehr, und dann habe ich auch keine Lust. Und was soll dann mit den Kindern passieren. Und warum fragst du dich dauernd, warum ich keine Lust habe? Warum fragst du dich nicht endlich, warum du keine Lust mehr hast? Das ist doch auch keine Lust, was du da hast. Das einzige, was du hast, ist ein Ständer. Das war doch mal anders. Du warst doch auch mal anders. Und was ist eigentlich mit uns passiert. Und ---

Und eine dritte Stimme beginnt in mir zu reden, meine eigene, mein schlaueres alter ego, das für jeden Einwand einen Gegeneinwand hat, und diese Stimme sagt:
Ist doch okay, was da steht. Ist doch wichtig, dass das mal gesagt wird. Kann ja sein, dass es was mit dem Körper zu tun hat. Ist doch nicht schlecht, wenn nicht alles auf die Psyche abgewälzt wird. Geht doch in Ordnung, wenn es Pillen gibt, die das regeln, und wenn es Ärzte gibt, die dir helfen können, endlich so geil zu sein, wie du sein willst. Tu doch nicht immer so, als hätten wir kein Recht darauf, mit uns zu machen, was wir wollen. Kann man doch wenigstens mal ausprobieren. Warum sollen wir unseren Körper nicht optimieren, warum sollen wir unsere Genitalien nicht verbessern?

Und eine vierte Stimme, wieder meine eigene, beginnt zu reden, die Stimme, die ich für meine "eigentliche" halte, obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, aber man bildet sich ein, sich für eine Version seiner selbst entscheiden zu müssen. Diese vierte Stimme also sagt:
Ach ja. Das ist es jetzt also. Mehr Hormone, mehr Blut, bessere Medikamente, geht schon. Wenn wir nicht geil aufeinander sind, werfen wir uns eben Chemie ein, die uns geil aufeinander macht. Wahrscheinlich werden sie irgendwann ein Medikament entwickeln, das einem einerseits alles scheißegal werden lässt, andererseits für punkt- und termingenaue Geilheit sorgt. Das wäre doch das Allerallerbeste. Man kommt nach Hause, man hat einander nichts mehr zu sagen, man kennt sich eh schon vier Monate lang und hat schon alles miteinander besprochen, man weiß auch, wie es im Bett ist, dass der Typ eh immer zu früh kommt, und die Frau sich nicht wirklich gehen lassen kann, weil sie sich nicht wohl fühlt, so lange sie vier Gramm zu viel wiegt, und hey, diese Nummer mit den Kerzenlichtdinnern und der romantischen Musik und dem Sandelholzöl haben wir auch durchschaut, und in der Paartherapie waren wir wesentlich schlauer als der Therapeut. Aber es gibt da ja diese neue Pille, die die Hormone richtig schießen läßt, die Durchblutung fördert, die Muskulatur kräftigt und einem wunderbarerweise aber völlig gleichgültig sein lässt, dass der, die andere eben niemand mehr ist, der einem Lust machen könnte. Und natürlich schafft es diese Pille auch, dass man plötzlich gut im Bett ist, zum begnadeten Liebhaber, zur begnadeten Liebhaberin wird, plötzlich kann er lecken, ohne das irgendwie bäh zu finden, plötzlich schluckt sie gerne, plötzlich weiß er, wie man Brüste anfasst, plötzlich weiß sie, was sie zu tun hat, plötzlich hat er keinen Schiss mehr davor, dass auch seine Prostata drankommen könnte, plötzlich hat sie keinen Schiss mehr, eine Schlampe zu sein, plötzlich kann man reden dabei, plötzlich kann man sogar lachen dabei.

Ist es das? Nee. Natürlich nicht, sagt Stimme Nummer 4, sie weiß es ja besser. Sie werden die Durchblutung in Ordnung bringen, die Beckenbodenmuskulatur trainieren, Illustriertensexgeschichten lesen, beim Friseur, beim Zahnarzt, sie werden sie nicht für wichtig halten und dennoch darüber nachdenken, sie werden immer noch keine Lust haben, sie werden sich immer noch fragen, woran es denn liegt, dass sie keine Lust haben, sie werden sich immer noch sagen, dass es an irgendetwas doch liegen muss, dass sie keine Lust haben, und sie werden sich immer noch nicht sagen können, dass sie möglicherweise gar keine Lust haben wollen, dass es keine guten Gründe für sie gibt, Lust haben zu wollen.
Nicht darauf. Nicht aufeinander. Nicht so.

Und dann beginnen diese Stimmen miteinander zu reden, in meiner Vorstellung, in mir. Bis ich keine Lust mehr habe, ihnen zuzuhören. Nur noch schlafen. Decke überm Kopf und schlafen.

Vielleicht sind wir Angehörige der Version 1.0 ja auch einfach technisch zu unausgereift, um dauerhaft Lust haben zu können.

Aber so wichtig ist das auch wieder nicht. Nicht wirklich. Es macht ja bloß die Menschen noch ratloser als sie sind, und ratlose Menschen sind gute Kunden. Solange sie Selbstzweifel haben, kommen sie auf keine blöden Ideen. Und außerdem wird ihnen nicht fad.



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