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faking it
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Der Ursprung der Welt, Courbet

Es gibt eine Frau, die gerne fickt und darüber einen Bericht geschrieben hat. Die Frau heißt Catherine Millet, ihr Bericht La vie sexuelle de Catherine M.

Der Spiegel berichtet über die Frau, die gerne fickt und einen Bericht darüber geschrieben hat.


Im Inhaltsverzeichnis, in dem die Sprache der Propaganda herrscht, Lektüre-Befehle an den Leser ergehen, heißt es: "Erotik pur aus Frankreich. Sie sei »außergewöhnlich hemmungslos«, bekennt Catherine Millet in einem Bestseller, der die Franzosen schockiert: Sie beschreibt ausschließlich und minutiös ihre sexuellen Exzesse mit Männern."

Im Bericht, der die Sprache der Erwägung spricht und "Immer nur das Eine" heißt, wird die Frau, die gerne fickt und einen Bericht darüber geschrieben hat, bemitleidet, fast pathologisiert. Sie sei teilnahmslos, kalt, präzise, ungerührt, kennt keine Grenzen, "die ihr Ekel oder auch nur Widerwillen ziehen könnten", "für Liebe und Gefühl gibt es da keinen Platz, und selbst die Lust bleibt ungreifbar", und so weiter.

Der Bericht über den Bericht der Frau, die gerne fickt, ist ein einziges Erstaunen: Darüber, dass eine Frau gerne fickt, dass sie darüber berichtet in der Form des Berichtens, dass sie nicht beichtet, dass sie nicht provozieren will, dass sie keine "Verherrlichung des Sexus" betreibt. Kann das sein, hat uns das etwas zu sagen, bedeutet das etwas, was bedeutet es? Ratlosigkeit über die Tatsache, dass es nichts zu bedeuten hat, nicht mehr als: dass sie gerne fickt, dass das Ficken eine Aktivität ist, die nicht über sich hinaus verweist, keine Psychologie produziert, keine Konfessionen, keine Legenden des Selbst, dass das Ficken nichts Ideelles produziert, dass eine Frau gerne fickt, wie andere Frauen gerne essen, gerne laufen, gerne spazieren gehen, eine Aktivität wie andere Aktivitäten, etwas das man gerne tut, aber über das es darüber hinaus nicht viel zu sagen gibt.

"Immer nur das Eine", schreibt der Spiegel-Berichterstatter, "überall Schwänze, die sich begierig erheben, in staunenswerter Formenvielfalt": Er kann es nicht fassen, und schon geraten ihm Singular und Plural durcheinander. Wenn eine die staunenswerte Formenvielfalt von Schwänzen registriert, ist es eben nicht immer nur das Eine, sondern es sind mehrere, viele, Plural, der Singular ist die Ideologie, die Grammatik wehrt sich dagegen, anzuerkennen, dass es eine Frau gibt, die gerne viele Schwänze in sich hat, viele verschiedene, dass es ihr darum geht, um die Reihe, die Serie, nicht um das "Bekenntnis", die "Beichte". Es gibt rhetorische Rettungen - die Konfession, die Parabel, das quid pro quo - aber die Frau, die gerne fickt, schlägt sie alle aus, sie fickt eben gerne, c´est tout.

"Sie vögelt mit Muskulösen genauso wie mit Dickbäuchigen und Schwitzenden", schreibt der Spiegel-Berichterstatter, er wundert sich darüber, dass sie keine Grenzen des "Ekels" und des "Widerwillens" hat, als ob man mit Dickbäuchigen und Schwitzenden nicht ficken könnte, wenn man gerne fickt, mit vielen, mit einer "staunenswerten Formenvielfalt" von Männern, Körpern eben, er kann das einfach nicht fassen.
"Catherine Millet fühlte sich immer gut und aufmerksam behandelt", schreibt der Spiegel-Berichterstatter, "nie hatte sie unter ungeschickten oder brutalen Gesten zu leiden. Das mag daran liegen, dass sie bei aller Wahllosigkeit in den besten Kreisen verkehrte, obwohl sie ihre Orgien (französisch »partouzes«) als eine Art sexueller Sozialdemokratie schildert, in der Männer ohne Gesicht und Identität, mithin ohne Ansehen des Standes und der Person, nehmen und genommen werden." Er kann nicht stehenlassen, was Catherine Millet berichtet, der Klassendünkel fällt ihm in den Arm: Dass die Frau, die gerne fickt, sich nicht beschwert, muss daran liegen, dass sie nur in den Höheren Klassen fickt, nur die Höheren Klassen sind nicht brutal, nicht ungeschickt, behandeln Frauen gut und aufmerksam, er kann sich nicht vorstellen, dass ein Arbeiter, einer aus der Mittelschicht gut, aufmerksam, geschickt fickt, er scheint davon auszugehen, dass einer aus den besten Kreisen aufmerksam und geschickt ist, statt brutal und ungeschickt. Er kann sich nicht vorstellen, dass "sexuelle Sozialdemokratie" keine Lüge ist, er korrigiert die Frau, die gern fickt, mit Sozialdemokraten kann man nicht ficken, ohne Ansehen des Standes und der Person kann man nicht ficken.

Er weiß es besser, er muss es einsortieren, er muss die Welt wieder in Ordnung bringen: Frauen, die gerne ficken, sind unheimlich. Frauen, die mit schwitzenden, dickbäuchigen Männern ficken, sind umheimlich. Frauen, die ohne Ansehen von Stand und Person ficken, sind unheimlich.

Man fickt eben nicht um des Fickens willen, als Frau jedenfalls nicht, Frauen ficken nicht einfach nur so.
Quod erat demonstrandum.



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