best of le sofa blogger Mes Madeleines


Ich lebe seit zwei Jahren hier.

Eigentlich sollte ich nur jemanden sechs Monate vertreten, aber als ich zurück sollte, habe ich alles daran gesetzt, bleiben zu können.

Es ist mein Zuhause geworden.

Die schwerste Tür ist nicht das Bains Douches. Die schwerste Tür ist das ... Da kommt man nur rein, wenn man bekannt ist. Immer schon dagewesen. Oder von jemandem eingeführt wird, der immer schon dagewesen ist. Da geht es nicht darum, dass du glamourös aussiehst oder gute Klamotten trägst oder dich als Frau aufgebrezelt hast. Beim Bains Douches ist das ja klar, da warten 300 Leute, und jede Stunde lassen sie drei rein. Wer halt zur Mischung passt. Glamourös aussieht. Im ... hast du damit nicht die geringste Chance. Du musst dazu gehören. Die Männer sehen sowieso alle gleich aus. Schwarzer Anzug, Hemd, gute Schuhe. Ohne Anzug muss man es gar nicht erst versuchen. Das ist seit 20, 30 Jahren so, niemand wird das je ändern, und das ist das Beste daran. Du bekommst deinen eigenen Tisch, du musst deine eigene Flasche kaufen, 1200 Francs Minimum, du musst jedem einzelnen Angestellten Trinkgeld geben, ehe du gehst. Und manchmal spielen sie zwischen zwei Stücken ein altes französisches Chanson. Ja genau, Charles Aznavour. Ich bin einmal die Woche da, es ist der beste Club in der Stadt.

Ich habe mich nur einmal auf einen französischen Mann eingelassen. Geht einfach nicht. Bei uns werden ja Mädchen und Jungen gleich erzogen. Hier nicht. Hier freut man sich über einen Jungen mehr als über ein Mädchen. Hier gibt es Menschen, und es gibt Frauen. Der französische Mann lebt immer gleich. Er kann bis 35, 40 zu Hause wohnen, kein Problem. Jedes Wochenende besucht er seine Familie, bringt seine Wäsche mit, lässt sie von maman waschen. Am Wochenende besucht man die Familie, immer. Im Sommer fährt man immer an denselben Ort, Saint Tropez, Cap Antibes, immer dasselbe. Wenn ich sagen würde, ich mag aber mal anderswohin, würde der es gar nicht verstehen. Wieso, wir fahren doch immer schon dahin, warum sollen wir jetzt plötzlich anderswohin in die Ferien. Letztes Jahr habe ich eine Umfrage gelesen, die Frage lautete: wenn sie eine Million Francs gewännen, wo würden sie dann hinfahren? An erster Stelle war St. Tropez, an zweiter Korsika, an dritter die Antillen. Als Frau muss man sich anpassen. Man heiratet den Mann und besucht mit ihm jedes Wochenende seine Familie, und im Sommer fährt man mit ihm dorthin, wo er immer schon mit seiner Familie hingefahren ist. Französische Frauen können das. Ich nicht.

Mit Frauen kann man hier nicht befreundet sein. Das ist ein ständiges Einanderbelauern. Man ist Konkurrentin, immer.

Am Anfang habe ich den Fehler begangen, mir einzubilden, man könne mit einem Franzosen einfach nur so essen gehen. Schwerer Fehler. Kommt nicht mehr vor.

Meine Freunde sind fast nur Ausländer. Italiener vor allem.

Die Wohnungen hier sind grauenhaft. Ich war in Appartements von Spitzenleuten, reichen Menschen, die leben immer noch wie wir als Studenten. 30 Quadratmeter, Möbel, die wir auf den Sperrmüll gäben, gräßliches Plüschzeug. Keinen Sinn dafür. Leben sowieso nicht zu Hause. Kochen zu Hause ist völlig unüblich. Das Geld wird für Restaurants ausgegeben. Und für Klamotten. Dior - ein völliger Flop. Funktioniert nicht. Tragen nur noch die billigen Frauen. Prada ist vorbei. Gucci. Immer mehr. Und den weißen Anzug von Yves Saint Laurent. Du musst in weiß kommen, weißen Hosenanzügen, wenn du zeigen willst, dass du verstanden hast.



trans trans

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