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Guten Tag, wie geht es so, mir geht es auch gut, ich sitze an meinem Schreibtisch
wie jeden Tag, ich müsste endlich wieder einmal etwas schreiben, was
mir selbst gefällt, aber ich schaffe das seit längerem nicht mehr,
die Wörter, die ich hinschreibe, schauen immer so komisch zurück,
keine Ahnung, ob das anderen auch so geht, wahrscheinlich nicht, ich möchte
mein Leid mit niemandem teilen müssen, ich habe die originellsten Probleme,
die man haben kann, neulich habe ich zum Beispiel gesagt: "aber innerlich
bin ich arrogant", ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit, in
Amsterdam war das, ich beobachte mich selbst und ich merke, wie vieles es
gibt, wofür ich mich schämen müsste, aber immerhin fällt
es mir auf, wahrscheinlich ist das das Arrogante an mir, dass mir immer auffällt,
wieviel mir auffällt, ach, lassen wir das. Oder lassen wir es nicht.
Das Schreckliche am Älterwerden ist, wie sehr man merkt, dass man alles
auch bleiben lassen kann, oder auch nicht, völlig egal, was man tut,
man kommt immer davon, jedenfalls mir geht das so, weiß auch nicht,
ich weiß sowieso immer weniger, gerade wollte ich die CD, die ich mir
heute angehört habe, Plaza Club Luxury Five Star Cocktail Lounge &
Dance Bar, zum zweiten Mal anhören, aber mein CD-Player weigert sich,
der Laser findet die Abspielrille nicht, die Platte dreht sich ein paar Mal
und dann passiert nichts, eine schöne Metapher der Vergeblichkeit oder
wofür auch immer, jedenfalls ist das schon der dritte CD-Player in fünf
Jahren, der nach einigen Monaten CDs nicht mehr spielt, ich bilde mir ein,
dass es sich um Sollbruchstellen handelt, die von der Industrie eingebaut
werden, damit es niemals zu Marktsättigungen kommt, vielleicht irre
ich mich ja und will mir bloß eine originelle Paranoia gönnen,
ich bin oft so, dabei hasse ich ja Originalität, jeder will originell
sein, jeder will ein Querdenker sein, wie es mich ekelt, ein solches Wort
überhaupt hinzuschreiben, es werden immer mehr Wörter, die ich
nicht mehr hinschreiben kann, was soll man da bloß machen, immerhin
verdiene ich mein Geld damit, Wörter hinzuschreiben, gönnen wir
uns jetzt eine Sprachkrise, ach was, ich würde bloß gerne haben,
dass die Wörter wieder die Augen aufschlagen, als wären sie gerade
erwacht und als räkelten sie sich noch ein wenig, ich habe schon immer
ein wenig zu sprachmagischen Vorstellungen tendiert, Hamann, falls den jemand
kennt, ein unterschätzter Philosoph, gestern hat mir Meike erzählt,
dass Petra Schürmann, Ex-Miss Germany und danach Deutsches Fernsehen,
früher einmal Philosophie studiert hat, und sie hätte gerne über
Hegel promoviert, aber man wollte von ihr, dass sie über Nietzsche arbeitete,
den Begriff der Wahrhaftigkeit bei Nietzsche, und dann hätte sie in
ihrem jugendlichen Übermut an Karl Jaspers geschrieben, um sich von
ihm Beistand zu holen, Herr Jaspers, bestätigen Sie mir bitte, dass
die Wahrhaftigkeit bei Nietzsche ein schlechtes Thema ist, merkwürdig,
was Menschen schreiben, wenn sie verzweifelt sind, aber Jaspers hat ihr gut
zugeredet, und tatsächlich ist die Wahrhaftigkeit bei Nietzsche ein
ziemlich gutes Thema, obwohl auch ich lieber über Hegel gearbeitet hätte
als über Nietzsche, es ist einfach schöner, sich in Hegel zu verwandeln
als in Nietzsche, man würde den Weltgeist fühlen, wie er sich in
einem zusammenbraut und über einen hinwegflöge zu Wichtigerem,
man wäre nur ein Gefäß, in dem der Weltgeist kurz Pause macht,
ehe er weitermacht damit, Weltgeist zu sein, schön wäre das, man
müsste nicht mehr originell sein, bloß eine Emanation, eine Äußerung,
eine Fußnote, ich denke viel darüber nach, vielleicht sollte ich
doch wieder beginnen, über philosophische Fragen zu arbeiten, ich habe
das ja schließlich studiert, und es gab in meinem Leben wenig Schöneres,
als zusammen mit fünf Leuten im Privatissimum zu sitzen und über
das Erhabene zu sprechen, wie eine Brüderschaft war das, eine Brüderschaft,
die sich über die Wörter beugte und wußte, dass die Wörter
etwas zu bedeuten hatten, sie funkelten uns an, aber wir waren noch nicht
weit genug, um uns dieses Funkeln verdient zu haben, also beugten wir uns
noch tiefer über das Erhabene und sprachen darüber, ja, das war
schön, ich kenne jetzt niemanden mehr, mit dem man sich noch über
Wörter beugen könnte, auch eine der schrecklichen Begleiterscheinungen
des Älterwerdens, man weiß einfach, dass Wörter nur Wörter
sind, nicht mehr, kein Mehrwert, kein Funkeln, na ja, manchmal funkeln sie
doch, aber man beugt sich nicht mehr gemeinsam darüber, weil jedem andere
Wörter funkeln, und weil man innerlich arrogant ist, und weil man so
müde ist, und weil man keine Zeit hat, und weil man dann lieber zum
Deutschen Fernsehen geht als über Wahrhaftigkeit zu arbeiten, keine
Ahnung, so ist es eben, macht ja auch nichts. Ich weiß auch nicht,
warum ich mir so schwer damit tue, Sätze abzuschließen, Punkte
zu setzen, wenn ich eine Idee vom Schreiben habe, vom Gutschreiben, vom Vollkommenschreiben,
wie immer man es nennen will, dann ist es die Idee des unendlichen Satzes,
ein Strom, der einsetzt und nicht mehr aufhört, in der Musik ginge das
besser, sowieso wollte ich immer Musiker werden, ich gäbe alles dafür,
aber ich habe nicht besonders viel, was ich zu geben hätte, eine Zeitlang
habe ich zum Beispiel alle Versionen von John Coltranes Favorite Things gekauft,
weil ich merkte, dass John Coltrane dieselbe Idee von Musik hatte wie ich
von Schreiben, er wollte nicht mehr aufhören, und so wurden seine Favorite
Things immer länger, die längste, die ich habe, ist über 60
Minuten lang, auf der 4CD-Box mit den Japan-Konzerten, bei Impulse erschienen,
aber wahrscheinlich gibt es sogar noch längere Aufnahmen in irgendwelchen
Archiven, man kann das ja nicht gut veröffentlichen, eine CD hat Platz
für knapp über 70 Minuten, technische Grenzen, und wer veröffentlicht
schon Tonbänder, obwohl das eigentlich das beste wäre, Tonbänder,
die nie wieder aufhören, ein Leben lang, immer dieselben Patterns, als
eine Art Puls, nur wesentlich schöner als der eigene Herzschlag, vielleicht
erfindet das ja jemand für mich, ich wäre glücklich darüber,
dann könnte ich endlich aufhören damit, das perfekte vollkommene
endgültige Stück zu suchen, das alle anderen Stücke überflüssig
macht, danach suche ich nämlich, bescheuert, gebe ich zu, aber so ist
es eben, wie gesagt, ich möchte originell sein, obwohl ich Originalität
hasse und innerlich viel zu arrogant bin, um etwas sein zu wollen, was man
sein soll, sagt einem ja jeder, dass man originell sein soll, und dann ist
es natürlich keiner, eh klar, selbst ich trage mittlerweile Cargohosen,
hat gerade mal ein Jahr gedauert, bis ich Cargohosen nicht mehr doof fand
und selbst eine kaufte, und wahrscheinlich werde ich in drei Jahren mir dann
doch ein Tattoo machen lassen oder ein Piercing, weiß auch nicht, ich
traue mir das jedenfalls zu, natürlich müsste es ein besonders
originelles Tattoo sein, am besten lasse ich mir das Wort Tatoo tätowieren,
das wäre dann ein dekonstruktivistisches Meta-Tattoo, da ist gedacht
worden, würde ich mir dann sagen können, endlich mal kein japanisches
Schriftzeichen indianisches Ornamentlaufband, so ähnlich jedenfalls,
ich habe mir auch schon überlegt, in meine Wohnung lauter Zettel zu
legen, auf denen TISCH stünde oder STUHL oder BETT, oder ich würde
auf die Wand einen Zettel hängen auf dem BILD steht oder ZETTEL AN DER
WAND, die Wörter statt der Dinge, und das würde entweder die Wörter
oder die Dinge wieder erhabener machen, als sie es jetzt sind, leider ist
ja nichts mehr erhaben, okay, der Himmel vielleicht, aber sonst nichts mehr,
mir fällt jedenfalls nichts ein, muss mir auch nicht, sag ich mir, ist
eh scheißegal, ob mir was Erhabenes einfällt oder nicht, und in
dem Augenblick, in dem es mir einfiele, wäre es nicht mehr erhaben,
soviel steht schon mal fest. Punkt. Wieder nicht geschafft, keinen Punkt
zu machen. Auch egal. Mir ist gerade eingefallen, dass es ja sein könnte,
dass es das Erhabene möglicherweise ja doch gibt, und bloß wir
es nicht bemerken, könnte ja sein, was weiß man schon, und das
ist eine Vorstellung, die mir ziemlich gut gefällt, umzingelt zu sein
von allem möglichen, was erhaben ist und man merkt es bloß nicht,
und die Wörter und die Dinge wispern einander zu und zwinkern mit den
Augen und reden hinter unserem Rücken, nein, natürlich reden sie
nicht über uns, oder sie singen, nein, noch besser wäre es, wenn
die Dinge summen würden, ganz leise vor sich hinsummen würden,
in einer Lautstärke, die unsere Ohren wahrzunehmen nicht vermögen,
könnte doch sein, man weiß das doch nicht, ich jedenfalls weiß
das nicht, hat eigentlich jemals jemand etwas Vernünftiges über
das Summen geschrieben, ich glaube nämlich, dass Summen etwas Unterschätztes
ist, ich glaube, dass wir das Summen brauchen und deswegen überall Hintergrundmusik
laufen lassen, damit etwas summt, damit es wirkt, als würde beständig
etwas summen, keine Ahnung, wieso das so ist, vielleicht ist das ja eine
Zellenerinnerung unseres Körpers an unsere uterine Existenz, ich besaß
mal eine Schallplatte mit Geräuschen, die ein Embryo im Uterus hört,
man sollte, versprach der Covertext, diese Platte seinen Babies vorspielen
und sie würden dann beruhigt einschlafen können, ich fand zwar
die Absicht fies, aber die Platte war dennoch schön, man hatte einer
nicht genannten Frau ein Mikrophon in den Uterus oder jedenfalls seine Nähe
eingeführt, und nun konnte einer wie ich endlich hören, was ich
schon längst vergessen hatte, ein leises Rauschen war das, ein Gluckern,
ein Hämmern, aha, das ist also das Blut, und das ist das Fruchtwasser,
und das ist der Herzschlag, es hörte sich ein wenig so an wie sich die
Einstürzenden Neubauten angehört haben, ehe sie teutonisch wurden,
aber nur so ähnlich, oder so wie Brian Enos Music for Airports sich
angehört hätte, wenn er seinen Synthesizer ein wenig anders programmiert
hätte, schwer zu beschreiben, und als ich es hörte, dachte ich,
was hat man eigentlich gehört, nachdem man den Uterus schon verlassen
hat, summten da die Dinge, man konnte das ja noch nicht unterscheiden, man
konnte den Geräuschen ja noch keine Bedeutung zumessen, vielleicht summten
da ja die Dinge, vielleicht war ja jedes Ding ein kleines Radio, ich weiß
auch nicht, natürlich sind das alles bescheuerte Gedanken, die nirgendwo
hinführen, und jetzt könnten wir eigentlich wieder einen Punkt
machen. Punkt also. Draußen hat es zu regnen begonnen, ich wäre
aber sowieso nicht rausgegangen, was habe ich draußen schon verloren,
ist bloß Hamburg da draußen, eine Stadt, in der es entweder zu
regnen begonnen hat oder zu regnen beginnen wird, man weiß das selbst
nach vier Wochen Sonne, man schafft es einfach nicht, den Gedanken nicht
zu denken, dass es wieder zu regnen beginnen wird, ich lebe jetzt seit dreizehn
Jahren hier und habe kein einziges Mal, wenn ich weg war, beim Nachhausekommen
den Gedanken gedacht, dass ich nach Hause komme, ich denke immer nur, dass
ich nach Hamburg komme, in eine Stadt, in der es zu regnen beginnen wird,
stimmt schon, es ist ein wenig besser geworden, seitdem wir umgezogen sind,
aber es ist immer noch Hamburg, man müsste weg hier, stimmt schon, man
müsste zumindest aufhören, darüber nachzudenken, dass man
hier weg müsste, ich wollte ja nie so deutsch werden, dass ich ständig
darüber nachdenke, wohin man eigentlich müsste, was man eigentlich
müsste, woran man eigentlich arbeiten müsste, wie man eigentlich
sein müsste, und nun werde ich es immer mehr, obwohl jeder, der mich
kennenlernt, immer noch nach spätestens vier Sätzen fragt, ob ich
aus Wien komme, ja, sage ich, obwohl ich gar nicht aus Wien, sondern aus
Linz komme, "ja", sage ich, "das hört man", sagen sie, was man eben
so sagt, weiß auch nicht, was man sagen könnte, es fällt
mir immer weniger ein, nein, das stimmt nicht, es fällt mir dauernd
ein, was man sagen könnte, viel mehr als ich dann sage, und manchmal
frage ich mich, ob es den anderen auch so geht, eine merkwürdige Vorstellung,
dass allen andauernd einfällt, was man sagen könnte, niemand es
aber sagt, und was würde geschehen, wenn man sagen würde, was einem
zu sagen einfiele, wäre die Welt eine schönere, oder wäre
sie eine Hölle, ich habe nicht die geringste Ahnung, ich kann ja nicht
von mir ausgehen, aber wenn ich von mir ausginge, wäre die Welt wahrscheinlich
schöner, mir fallen eher Sätze ein, die man gerne hören würde,
nehme ich an, ich meine, warum sollte man zum Beispiel nicht gerne den Satz
"du bist schön" hören, oder "du gehst so, als hätte John Coltrane
dich geschrieben" oder "wenn du willst, koche ich für dich ein zehngängiges
Bankett", es gibt nichts, was gegen solche Sätze spricht, nehme ich
an, jedenfalls sind das Sätze, die mir einfallen, wenn ich mal draußen
bin in dieser Stadt, in der es zu regnen beginnt, aber ich sage das dann
doch nicht, denn natürlich gehört sich das nicht und man würde
sich doch nur entgeisterte Blicke und schroffe Absagen holen, aber die Vorstellung,
dass alle anderen auch unaufhörlich gerne Sätze sagen wollen, die
sie nie sagen, ist schon sehr gespenstisch, es müsste einen Friedhof
ungesagter Sätze geben, und gelegentlich könnten wir auf diesem
Friedhof spazierengehen und die Grabsteine mit den ungesagten Sätzen
ansehen und uns den einen oder anderen Satz ausborgen und ihn zu uns selbst
sagen, und vielleicht würden die Wörter dann ja wieder funkeln,
ich weiß auch nicht, und wahrscheinlich sollte ich jetzt einfach einen
Punkt machen, oder doch nicht, ich weiß auch nicht, wie ich aus dieser
Sache wieder herauskomme, das einzige, was mir einfällt, ist, wieder
an den Anfang zurückzugehen, ein ganz alter ganz billiger ganz abgewetzter
Trick, aber etwas anderes fällt mir gerade auch nicht ein, also machen
wir das jetzt einfach: Guten Tag, wie geht es so?
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Le Sofa Blogger ist das Weblog von Sofa - A Virtual Hangout:
Marginalien,
Notate, Ephemera. Nach einiger Zeit verschwinden die (fast) täglichen
Beiträge im Archiv, aus dem sie für gewöhnlich nie wieder
hervorgeholt werden. In Best of Le Sofa Blogger werden jene Texte ausgestellt,
an denen uns noch etwas liegt.
index: best of le sofa blogger
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